Spezialthemen

Andere Städte

Folge uns

GO UP
Image Alt

Das Museum des X. Pavillons der Warschauer Zitadelle

warschau-zitadelle-x-pavillon

Das Museum des X. Pavillons der Warschauer Zitadelle

Historischer Abriss

[Beitragsbild: Kapitel, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons] Der X. Pavillon der Warschauer Zitadelle ist einer der wichtigsten Orte der polnischen Martyrologie aus der Zeit der Teilungen. Er befindet sich auf dem Gelände der Warschauer Zitadelle, die von der russischen Teilungsmacht in den Jahren 1832–1836 im Rahmen von Repressionen nach der Niederschlagung des Novemberaufstands von 1830-1831 errichtet wurde. Der Befehl des Zaren lautete, dass im Umkreis von 500 Metern keine zivile Bebauung stattfinden dürfe und dass die Altstadt bei erneuten Unruhen zerstört werden solle. Diese Befehle hatten bis 1915 Gültigkeit, als die Russen Warschau verließen und die Provinzhauptstadt an die Preußen übergaben. Vom Zentrum ist das Museum ca. 30 Minuten mit der U-Bahn und Bus entfernt.

Im X. Pavillon befand sich das zentrale Untersuchungsgefängnis für politische Gefangene. Durch dieses Gefängnis gingen Tausende Kämpfer für die Freiheit – Mitglieder geheimer konspirativer Organisationen, Teilnehmer nationaler Aufstände, Aktivisten der polnischen Arbeiterbewegung, Teilnehmer der Revolution von 1905, patriotischer Demonstrationen, Arbeiterstreiks, Aktivisten verschiedener politischer und gesellschaftlicher Organisationen. Unter ihnen befanden sich viele polnische Nationalhelden und bekannte Persönlichkeiten wie Romuald Traugutt, Józef Piłsudski, Roman Dmowski, Pater Piotr Ściegienny, Jarosław Dąbrowski, Józef Montwiłł-Mirecki und viele andere. Hier, vor Untersuchungskommissionen und Militärgerichten, entschieden sich ihre Schicksale. Von hier aus brachen Tausende Verurteilte in das Innere Russlands zur Katorga oder in sibirische Verbannung auf, und Hunderte anderer traten ihren letzten Weg zu den Hinrichtungsstätten an den Hängen der Zitadelle an.

Ort des Gedenkens

Aufgrund seiner Vergangenheit ist der X. Pavillon ein außergewöhnliches Objekt. Sicherlich eines der wenigen – außerhalb der Sitze ehemaliger Herrscher und anderer, späterer staatlicher Behörden – durch die so viele bedeutende Persönlichkeiten der Geschichte gegangen sind. Nicht nur politische Aktivisten und Verschwörer im engeren Sinne, sondern auch viele herausragende polnische Künstler, Wissenschaftler oder Literaten, Personen, die aufgrund ihres Engagements in oppositioneller Tätigkeit zu einem Aufenthalt in der Warschauer Festung verurteilt wurden. Unter ihnen befanden sich Persönlichkeiten von solcher Größe wie die Dichter Gustaw Ehrenberg, Adam Asnyk, Apollo Nałęcz-Korzeniowski, die Schriftsteller Wacław Sieroszewski und Tadeusz Gałecki (Andrzej Strug), der Maler Aleksander Sochaczewski, die Gelehrten Benedykt Dybowski, Ludwik Krzywicki, Bolesław Antoni Dobrowolski und viele andere.

warschau-zitadelle

Die Warschauer Zitadelle @ Kapitel, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Warschauer Bastille

Der X. Pavillon ist ein Ort, der untrennbar mit dem Kampf um die Unabhängigkeit verbunden ist, noch in den Zeiten der Teilungen „Warschauer Bastille“ genannt, und ein ehrendes Zeugnis der Haltung der polnischen Eliten in Zeiten der Unfreiheit. Aus diesen Gründen verdient er eine besondere Erinnerung und eine außergewöhnliche Behandlung. Dies würdigte übrigens – bereits wenige Monate nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1918 – der damalige Staatschef Józef Piłsudski, der im April 1919 die Entscheidung traf, im Gebäude des ehemaligen Gefängnisses ein Museum sowie ein militärhistorisches Archiv einzurichten. In dieser Zeit wurden ähnliche Forderungen auch von Vertretern anderer Milieus erhoben. Doch in jenen Jahren wurden diese Pläne aufgrund der besonders schwierigen Lage des wiedergeborenen Staates (Kämpfe um die Angliederung einzelner Regionen in Form von Aufständen und Volksabstimmungen, der äußerst dramatische Krieg mit Sowjetrussland, spätere politische und wirtschaftliche Krisen) nicht verwirklicht.

Im Jahr 1923 wurde das Gebäude des X. Pavillons infolge der Explosion eines nahegelegenen Pulvermagazins schwer beschädigt. Nach der Reparatur wurde im östlichen Flügel des ehemaligen Gefängnisgebäudes, wo sich die Zellen einiger der bekanntesten Häftlinge befanden, u.a. von Romuald Traugutt und Józef Piłsudski, eine kleine Ausstellung von Erinnerungsstücken ehemaliger Insassen eingerichtet sowie Gedenktafeln für Romuald Traugutt, Józef Piłsudski, Stefan Okrzeja und Józef Montwiłł-Mirecki angebracht.

Ausstellung

Die erste museale Ausstellung entstand im X. Pavillon im Jahr 1963. Ihre Eröffnung am 22. Januar, zum hundertsten Jahrestag des Ausbruchs des Januaraufstands, hatte einen sehr feierlichen Charakter. Daran nahmen Vertreter der höchsten Partei- und Regierungsränge teil.

Bis 1989

Das Museum des X. Pavillons der Warschauer Zitadelle wurde eine Abteilung des Museums für die Geschichte der Polnischen Revolutionsbewegung. Im Jahr 1969 wurde den Besuchern eine Dauerausstellung zugänglich gemacht, die in mehrere Abteilungen gegliedert war und 87 rekonstruierte Gefängniszellen, zahlreiche Erinnerungsstücke aus den Jahren 1863–1864, Fahnen, patriotischen Schmuck, Waffen, Dokumente und Gefängnisandenken umfasste. Es wurden drei Kunstgalerien vorbereitet: des Januaraufstands, des Großen Proletariats sowie der Malerei Aleksander Sochaczewskis.

warschau-zitadelle-museum-gefaengnis

Warschauer Zitadelle @ Walking Warsaw

Die Schöpfer fer der Ausstellung wollten den Besuchern die Gestalten der Gefangenen näherbringen, die für ein freies und gerechtes Polen kämpften. Dabei wurden hauptsächlich linke Aktivisten und Revolutionäre hervorgehoben. In der Ausstellung wurden die Realien des Gefängnislebens in den Jahren 1834–1914 dargestellt. Obwohl ihre Schöpfer die revolutionäre Thematik auf Kosten der Unabhängigkeitsthematik in den Vordergrund stellten, wurde sie von vielen Besuchern positiv bewertet. Davon zeugt die sehr hohe Besucherzahl. Die in den Realitäten der Volksrepublik Polen vorbereitete Ausstellung entging nicht einem propagandistischen Charakter, zeigte jedoch viele Wahrheiten über die dramatischen polnisch-russischen Beziehungen im 19. Jahrhundert. In dieser Form bestand sie ohne wesentliche Veränderungen bis 1989.

Nach 1989

Nach den politischen Veränderungen von 1989 wurde die Ausstellung grundlegend erweitert und um zahlreiche Themen sowie Persönlichkeiten ergänzt, die zuvor nicht oder nur eingeschränkt gezeigt werden konnten. Im Mittelpunkt standen weiterhin die Gefangenen des X. Pavillons im historischen Kontext.

1990 wurde das Museum der Polnischen Revolutionsbewegung aufgelöst, und der X. Pavillon wurde Teil des neu gegründeten Museums der Unabhängigkeit. Gleichzeitig begann die umfassende Neugestaltung der Dauerausstellung.

Dabei entschied man sich, zentrale Bereiche beizubehalten und in überarbeiteter Form zu präsentieren. Dazu gehörten die Geschichte der Warschauer Zitadelle, der Januaraufstand sowie die Lebensbedingungen der Gefangenen. Unverändert blieb die Gemäldegalerie von Aleksander Sochaczewski, während der Abschnitt über das Große Proletariat und die Revolution von 1905–1907 deutlich gekürzt wurde.

Neu hinzu kam ein eigener Ausstellungsbereich über Józef Piłsudski, der seinem Aufenthalt im X. Pavillon im Jahr 1900 gewidmet ist. In den folgenden Jahren wurden zudem mehrere große Sonderausstellungen konzipiert, unter anderem zu polnischen Verbannten nach 1863, zum Klerus im Januaraufstand sowie zu den verschiedenen Wegen Polens zur Unabhängigkeit.

Als Ergänzung zur Hauptausstellung entstand außerdem die Ausstellung „Sibirier 1940–1956“. Sie dokumentiert das Schicksal der Polen, die während des Zweiten Weltkriegs von den stalinistischen Behörden in die Sowjetunion deportiert wurden, und zeigt zugleich die Parallelen zwischen den Erfahrungen verschiedener Generationen.

Veränderungen

Der X. Pavillon, der über mehr als 50 Jahre als Museum diente, wurde lange Zeit nicht grundlegend saniert. Stattdessen beschränkten sich die Maßnahmen auf laufende Reparaturen, wodurch sich der bauliche Zustand des Gebäudes nach und nach verschlechterte. Erst 2015 konnten dank EU-Fördermitteln umfangreiche Renovierungsarbeiten im Rahmen eines groß angelegten Projekts abgeschlossen werden. Dieses umfasste die Revitalisierung und Modernisierung mehrerer Bereiche der Warschauer Zitadelle, darunter den X. und XI. Pavillon, das Bielany-Tor sowie den Innenhof.

Ein weiterer Schritt zur Modernisierung und Attraktivitätssteigerung folgte mit einem Projekt zur besseren Zugänglichkeit von Kultur und zum Erhalt des nationalen Erbes. In diesem Zusammenhang wurde die Dauerausstellung „Gefangene des X. Pavillons der Warschauer Zitadelle“ neu konzipiert und erweitert. Sie erhielt unter anderem multimediale Elemente und wurde 2018 – passend zum 100. Jahrestag der Wiedererlangung der polnischen Unabhängigkeit – der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Gefangene des X. Pavillons

Die Hauptausstellung „Gefangene des X. Pavillons der Warschauer Zitadelle“ widmet sich den Menschen, die hier inhaftiert waren, und ordnet ihre Geschichten in die Entwicklung der Zitadelle sowie der Stadt Warschau ein. Im Mittelpunkt steht nicht nur die Funktion der Anlage als Festung und Gefängnis, sondern auch ihre Bedeutung im größeren historischen Zusammenhang des Königreichs Polen – ein Faktor, der die Zahl und Zusammensetzung der Gefangenen in verschiedenen Epochen maßgeblich beeinflusste.

Besonderes Augenmerk gilt den wichtigsten politischen Akteuren. Gleichzeitig werden auch Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur, Literatur und Kunst berücksichtigt, die aufgrund ihres Engagements inhaftiert wurden. Durch diese Perspektive entsteht ein vielschichtiges Bild individueller Lebenswege vor dem Hintergrund des polnischen Unabhängigkeitskampfes im russisch beherrschten Teilungsgebiet. Die Ausstellung macht deutlich, wie breit der Widerstand gegen das zaristische Regime in unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen verankert war.

warschau-x-pavillon

Gefängniszelle @ Walking Warsaw

Die in die Dauerausstellung integrierten multimedialen Stationen erweitern die Inhalte deutlich und ermöglichen einen tieferen Einblick in die jeweilige Epoche – etwas, das zuvor aus Platzgründen nicht möglich war. Sie bieten zahlreiche Fotografien der Gefangenen, ausführliche Biografien, historischen Kontext, ein Kalendarium der wichtigsten Ereignisse sowie ergänzende Audio- und Videomaterialien.

Damit wird die neugestaltete Ausstellung im Museum des X. Pavillons der Warschauer Zitadelle zu einem besonders geeigneten Ort für historische Bildung – sowohl für Schüler im Rahmen von Museumsprogrammen als auch für individuelle Besucher, die sich in ruhiger Atmosphäre intensiver mit dieser schwierigen Phase der polnischen Geschichte auseinandersetzen möchten.

Außerhalb des Museums

Mit der innerräumlichen Ausstellung im engen Zusammenhang stehen die Denkmäler außerhalb des Museumsgebäudes. Der Hinrichtungs-Weg führt Sie zum Hinrichtungstor, an welchem die Gefangenen hingerichtet wurden. In unmittelbarer Nähe befinden sich Gräber der Freiheitskämpfer von 1863 und 1905/1907.

Warum sollte man das Museum besuchen?

Jedes Museum hat eine Aufklärungs- und Bildungspflicht. Beide werden hier erfüllt. Es ist sicherlich kein Museum, welches vor Optimismus strotzt und dennoch lohnt es sich auch hier mal vorbeizuschauen. Die polnische Geschichte und die polnische Seele kannst du nur verstehen, wenn du alle Aspekte unserer 1000-jährigen Geschichte kennenlernst. Warum hat Jaroslaw Kaczynski mit seiner Partei Recht und Gerechtigkeit die Parlamentswahlen 2015 gewonnen? Warum wählt der Osten Polens „rechts“ und der Westen Polens „links“? Wieso hat die Romantik in Polen so viele Anhänger und was hat das alles mit diesem Gefängnis zu tun? Das sind nicht die einfachsten Fragen, die es zu beantworten gilt. Du kannst nun Vermutungen in deutschen Medien nachlesen und eine Antwort suchen oder gleich vor Ort die Wahrheit herausfinden. Wer über Polen schreibt und dafür die Ereignisse der letzten Monate und Jahre heranzieht,  der hat leider nichts verstanden.

Schau dir also nicht nur das Chopin-Museum oder das Museum der Geschichte der Polnischen Juden an. Auch der X. Pawilon, das Katyn-Museum oder das Museum der Polnischen Armee liefern viele aufschlußreiche Informationen über unser andersartiges Dasein im gemeinsamen Europa.

Gründer von Walking Warsaw und lizenzierter Stadtführer in Warschau

"Mein polnisches Herz pumpt das Blut ins deutsche Hirn"

antoni@meinwarschau.com

Hinterlasse einen Kommentar

Jetzt Buchen