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Der Weichselboulevard in Warschau

Bild © Adrian Grycuk

Der nachfolgende Beitrag ist eine detaillierte Beschreibung des Weichselboulevard in Warschau. Falls Du nur eine allgemeine touristische Übersicht benötigst, empfehlen wir Dir den folgenden Link anzuklicken.

Der Weichselboulevard in gehört unseres Erachtens auf die Liste der wichtigsten Sehenswürdigkeiten, obwohl es hier eigentlich nichts zu sehen gibt. Zwar steht hier die Meerjungfrau „Syrenka“, das Kopernikus-Zentrum ist sogar phsyisch mit der Promenade verbunden und im Norden hat man, vor allem in den Abendstunden, einen wunderschönen Blick auf die Fassade des Königsschlosses sowie die Bürgerhäuser der Altstadt, aber all das ist dennoch zu wenig, um von Sightseeing sprechen zu können.

Hier kann man jedoch vor allem eines sehen: Das Leben in der Stadt und ihre Bewohner. Wenn Du entlang des Boulevards spazieren gehst, bist Du mitten drin, statt nur dabei. Hier triffst Du die müden Büroangestellten, die Studenten, die sich von den in der Umgebung stattfindenden Vorlesungen entspannen, die Arbeiter, die nach harter Maloche hier ein Feierabendbier zu sich nehmen, Jogger, Bodybuilder und gelegentlich auch einen von uns.

In unserem Beitrag lernst Du die einzelnen Abschnitte kennen. Zudem findest Du hier unsere in rot eingetragenen TIPPS.

Die Weichsel

Es macht Sinn mit der Weichsel anzufangen, bevor wir zu den Einzelheiten über die Promenade übergehen. Die Weichsel ist der längste Fluß in Polen und hat hier auch seine Quelle und Mündung zugleich. Zudem ist es auch der größte Fluss im Zuflussgebiet des Baltikums. Die drei polnischen Hauptstädte Krakau (Hauptstadt bis ca. 1598), Warschau (Hauptstadt seit 1598) sowie Plock, welches im 14. Jahrhundert eines der wichtigsten Machtzentren des königlichen Hofes war (der reisende König / rex ambulans), liegen an der Weichsel. Zudem fanden an der Weichsel zahlreiche historisch wichtige Ereignisse statt, die das Nationalbewusstsein der Polen stark prägen. Daher ist auch der Titel Königin der Polnischen Flüsse nur verständlich. Die Gesamtlänge beträgt ca. 1047 Kilometer, von denen knapp 31 Kilometer durch die polnische Hauptstadt fließen. In Warschau befinden wir uns auf dem 500. Kilometer.

Zum Nachlesen  Touristen-Tram "T" und Linie 36 in Warschau

Bei niedrigem Wasserstand beträgt die Tiefe um die 2 Meter, kann aber bis zu 7 Meter aufsteigen. Lokal wurden sogar 15 Meter erreicht. Die Strömung ist sehr stark, weshalb abgeraten wird auch nur daran zu denken ins Wasser zu springen. In naher Zukunft sollen 2 Schwimmbecken entstehen, was mit der weiter unten beschriebenen Renovierung des linken Weichselufers im Zusammenhang steht. Die Weichsel ist kein Flüsschen was die Breite angeht. Auf dem Warschauer Stadtgebiet beträgt diese 400-600 m im Norden und sogar bis zu 1,4 Kilometer im Süden der Stadt.

2017 Das Jahr der Weichsel

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Flößer an der Weichsel @ Gemälde von Wilhelm August Stryowski (1881)

Die Flößerei gehörte im Königreich Polen zu den wichtigsten Transportmitteln. Es wurden vor allem Getreide und Holz zum wichtigsten und größten Hafen Polens in Danzig (Gdansk) getrieben. Der Reichtugm und Wohlstand des Königreiches war maßgeblich von der Weichsel abhängig.

Die Flößer betrieben den Flößereiverkehr und genossen relativ hohes Ansehen. Ihre Tradition ist in Polen des 21. Jahrhunderts immer noch sehr lebendig. Das Jahr der Weichsel 2017 wurde zu ihren Ehren ins Leben gerufen. Es sollte an den 550. Jahrestag der ersten freien Flößerei erinnern.

Gemeinsam durch dick und dünn. Warschau und die Weichsel

Schon seit der Gründung Warschaus ist die Weichsel untrennbar mit der Stadt verflochten.

Und so entstand auf der Höhe der Mostowa-Straße (Karte) schon in den Jahren 1568 – 1573 die erste hölzerne Brücke auf die andere Seite des Flusses. Diese Verbindung war wichtig, da auf der Lubliner Union von 1569 entschieden wurde, dass Warschau zur Stadt für alle zukünftigen Sejm-Tagungen ernannt wurde. Die Brücke war sehr schmal und daher war auch das Gedränge damals schon nervenaufreibend. Eine Eisscholle zerstörte die Brücke im Jahre 1603. Es war damals eine der längsten Brücken dieser Art in Europa. Übriggeblieben ist von der Brücke nur noch das Einfahrtstor an der Kreuzung der heutigen Straßen Bolesc, Bugaj und Rybaki.

Nach dem polnischen Goldenen Zeitalter (15. bis Mitte 16. Jahrhundert) folgten unruhige Zeiten. Nach der Ausradierung des polnischen Königreiches von der europäischen Landkarte im 18. Jahrhundert bemühten sich die polnischen Eliten Polen immer wieder als eigenständigen Staat ins Leben zu rufen, bis 1918 leider erfolglos. Warschau war immer die wichtigste Stadt, die es zu erobern galt. Nur wer Warschau besaß, hatte Aussicht auf Erfolg. Und die Weichsel spielte dabei immer die entscheidende Rolle.

Vergessen und Neuentdeckung

Doch dann kam eine unschöne Zeit des Vergessens – nach dem 2. Weltkrieg musste man sich auf andere Projekte konzentrieren und so wurde die Weichsel immer mehr zur unsichtbaren Grenze zwischen dem linksseitigen Warschau und Praga auf dem gegenüberliegenden Ufer (da wo das Stadion steht ist Praga). Nach dem Rauswurf der Russen aus unserem schönen Land fehlte lange Zeit das Geld für Neuinvestitionen in diesem Teil der Stadt – also im Warschauer Weichseltal. Natürlich gibt es schöne Bilder aus der kommunistischen Zeit, wo man fröhliche Familien beim Planschen sieht. Doch das kann man nicht so ernst nehmen. Der Großteil der Warschauer hatte keinen Kontakt mit dem Fluß.

Erst 2013 haben Investoren die Macht der Weichsel verstanden und pumpen endlich etliche Millionen Euro in die Wiederbelebung des Königlichen Flußes. Für mich persönlich wird der Fluß das Stadtbild und die Einstellung der Warschauer in den nächsten Jahren am intensivsten beeinflußen. Noch kann ich nicht sagen, was genau das bedeutet, aber es ist jetzt schon sehr spannend.

Lohnt es sich?

Auf jeden Fall! Vor allem im Sommer, wenn die Nächte es erlauben, kann ich nur empfehlen sich gemütlich im Liegestuhl seinem Drink oder Bier zu widmen und die Aussicht zu genießen. Hier sitzen die Warschauer, um die schönen Seiten des Lebens zu erforschen. Es ist keine Partymeile, aber auch nicht eine öde Landschaft ohne Flair. Es ist das, wie man sich das junge Warschau vorstellen kann – dynamisch und doch gelassen, jung in jedem Alter und stolz Einwohner dieser Stadt zu sein.

UPDATE 12.04.2017: Im nördlichen Abschnitt, also auf der Höhe der Altstadt, öffnet im Mai das erste Café der Kette Green Caffe Nero. Wenn Sie nach meiner persönlichen Meinung fragen – es gibt momentan in Warschau keine bessere Wahl.

Was gehört alles zum Boulevard?

Der Boulevard zieht sich entlang des linken Weichselufers auf einer Länge von über 5 Kilometern. Es gibt insgesamt drei Abschnitte, die alle nach berühmten Persönlichkeiten benannt wurden. Zugleich hat jeder Abschnitt einen eigenen Charakter und Atmosphäre. Von Norden nach Süden sind das folgende Abschnitte:

Altstadtbereich | Jan-Karski-Boulevard

Der Altstadtbereich erstreckt sich zwischen den Brücken „Gdanski“ und „Slasko-Dabrowski“ und ist ca. 1,5 km lang. Er wurde 2015 nach mehreren Jahren der Renovierungsarbeiten wiedereröffnet. Auf diesem Abschnitt gibt es ein Festland-Café sowie drei Boote mit Gaststättenfunktion. Die Atmosphäre hier ist meistens sehr ruhig und lädt zu einem ruhigen und entspannten Spaziergang ein.

Es gibt hier drei Übergangsmöglichkeiten. Der mittlere Übergang befindet sich auf der Höhe des multimedialen Springbrunnens, wo in der Sommersaison am Wochenende Wasser-Laser-Spiele gezeigt werden. Mehr dazu gibt es auf dem folgenden Link:

Der südlichste Übergang ist mit den unteren Gärten des Warschauer Königsschlosses verbunden. Wenn man um das Schloss herum geht, gelangt man auch schon auf den Schlossplatz und zur Altstadt.

Höhe Königsweg | George-Patton-Boulevard

Der mittlere Abschnitt ist 1,9 km lang und erstreckt sich zwischen den Brücken „Slasko-Dabrowski“ und „Poniatowskiego“. Während der nördliche Abschnitt ziemlich nah an der Altstadt verläuft, ist dieser hier zu weit vom Königsweg entfernt, um ihn gemütlich zu Fuß zu erreichen. Der geeignete Zugang ist die Metrostation „Centrum Nauki Kopernik“. Steigt man hier aus, gibt es zahlreiche Möglichkeiten des Zeitvertreibs.

An der Station gibt es zahlreiche Food Trucks und Boote, wo man ordentlich Speisen und Trinken kann. Nur einige hundert Meter weiter ist die im Mai 2020 eröffnete Elektrownia Powisle mit einer Food Hall, wo 200 Personen Platz finden. Eine Bar gibt es da natürlich auch.

Die Atmosphäre hier ist schon eher auf einen lauteren Abend ausgerichtet. Auch ist hier aufgrund der Metrostation ziemlich viel los. Also unbedingt auf große Menschenmassen einstellen. Man entscheidet sich hier auch für zwei Wege. Geht man Richtung Norden (Altstadt), dann wird es leerer und ruhiger. Nach einer halben Stunde gelangt man auch schon zum Übergang auf Höhe des Königsschlosses. Geht man Richtung Süden (Czerniakowski-Hafen), wird es stets voller und lauter. Nach einer halben Stunden gelangt man in den Partyabschnitt im südlichen Abschnitt des Boulevards.

Der südliche Abschnitt | Flotylla-Wislana-Boulevard

Dieser 900 m lange Abschnitt verläuft von der Poniatowski-Brücke bis zum Czerniakowski-Hafen. Bekannt ist dieser Teil als Partymeile mit zahlreichen Bars, Booten und Party. Zwischen den einzelnen Hotspots sitzt man auf den Betontreppen oder am Strand am südlichen Ende und „glüht vor“. Die Atmosphäre ist hier sehr auf Party ausgesetzt.

Idealerweise nutzt man für die Zufahrt die Straßenbahn auf der Poniatowski-Brücke. Vom „Centrum“ sind das drei Stationen. Sofern man am südlichen Ende des ganzen Boulevards seinen Abend abschließt, empfehlen wir von da mit einem Taxi zu fahren.

Auf unserer Stadtkarte von GoogleMaps könnt Ihr alle erwähnten Punkte und Verläufe einsehen.

 

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Der Hot Spot im Sommer © City of Warsaw

Ab 2013 wuchs auf einmal das Interesse der Stadt und vor allem der Großinvestoren für diesen wilden Teil der Stadt. Man merkte, dass im Sommer tausende junge Menschen hier ihren Abend verbringen möchten und sicherlich auch gerne ihr Geld hier lassen würden – wenn nur solch eine Möglichkeit bestünde. Der erste Spatenstich für den Umbau wurde 2013 gesetzt und seitdem entwickelt sich der Boulevard Saison für Saison zu einem echten Anziehungspunkt für Jung und Alt, Touri und Warschauer – Platz ist genug da für Alle. 

Der erste Abschnitt auf Höhe der Altstadt wurde im September 2015 eröffnet. Der zweite, weiter südlich verlaufende Abschnitt (auf dem Stadtplan der mittlere Abschnitt) wurde am  16.06.2017 freigegeben. Der Rest wird in naher Zukunft ebenfalls erneuert. Es bedeutet nicht, dass man dort nicht trotzdem liegen und das Leben in Ruhe genießen kann. Paradoxerweise ist der südliche Abschnitt der aktivste und beliebteste.

Fußgängerüberweg über die Weichsel

2017 wurde zudem bekannt, dass in der Mitte des Boulevards (Höhe Präsidentenpalast) ein Fußgängerüberweg gebaut werden soll. Diese Brücke wird ca. 400 Meter lang sein. Momentan weiß man nicht mehr. Im September 2017 entscheidet die Stadt, welches Architekturprojekt gewonnen hat. Fertigstellung ist für das Jahr 2020 geplant.

Gründer von Walking Poland und lizenzierter Stadtführer in Warschau

"Mein polnisches Herz pumpt das Blut ins deutsche Hirn"

antoni@meinwarschau.com

Kommentare:

  • jr

    9. September 2017

    Dankeschön für die Informationen, bin hoffentlich ab Mo. hier….
    Viele Grüße
    Jürgen

    Antworte

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