mein-warschau

MeinWarschau ist der einzige deutschsprachige Blog aus Warschau, wo der Autor sich tatsächlich die Frechheit erlaubt das zu schreiben, was er denkt.

Follow Us
GO UP
res-sacra-miser-warschau

Res Sacra Miser Kirche

Einleitung

Die meisten Menschen können sich die offiziellen Bezeichnungen der Kirchen schlicht nicht merken, weil sie zu lang und zu kompliziert klingen. Daher ist es zur Gewohnheit geworden sie nach den zugehörigen Orden zu benennen. Entlang des Königstraktes an der Krakowskie-Przedmiescie-Promenade findet man also die Visitantinnen-Kirche oder auch die Karmeliterkirche. Bei der hier beschriebenen Res Sacra Miser Kirche hingegen bleibt man bei der offiziellen Bezeichnung, weil es auf der Fassade geschrieben steht. Vielleicht könnte man das überall einführen? Ganz offiziell heißt sie Kirche der Unbefleckten Empfängnis (Kosciol pw. Niepokalanego Poczecia Najswietszej Maryj Panny).  Ursprünglich trug sie den Namen Kirche der Heiligen Teresa. Entdecken Sie die Geheimnisse der kleinsten Kirche in Warschau.

Res Sacra Miser – Seneca

Das Sprichwort Res Sacra Miser ist ein Epigramm von Seneca dem Jüngeren. Im Original lautete der Spruch Res est sacra miser und wird in allerlei Variationen übersetzt: Der Arme ist ein Heiligtum, Der Unglückliche ist eine heilige Sache, die Armut ist eine Heiligkeit etc. Seneca konnte sich natürlich nicht auf die christliche Tradition berufen und es ging ihm auch nicht um die Lobpreisung der Armut oder gar um christlichen Humanismus. Dafür war es dann doch noch etwas zu früh. Vielmehr wollte er darauf hinweisen, dass man über Menschen, die in Not oder schon tot sind, nichts schlechtes sagen möge. Das ganze Epigram heißt De custodia sepulcri – über den Schutz des Begräbnisses. 

De custodia sepulcri.

Quisquis es – et nomen dicam? dolor omnia cogit! –, qui nostrum cinerem nunc, inimice, premis et non contentus tantis subitisque ruinis stringis in extinctum tela cruenta caput: crede mihi, uires aliquas natura sepulcris attribuit: tumulos uindicat umbra suos. Ipsos crede deos hoc nunc tibi dicere, liuor, hoc tibi nunc Manes dicere crede meos: res est sacra miser; noli mea tangere fata: sacrilegae bustis abstinuere manus!

Die Kirche

Die Kirche befindet sich im Kazanowski-Palais aus dem 16. Jahrhundert an der Krakowskie-Przedmiescie-Straße, also am nördlichen und schönsten Abschnitt des Warschauer Königstraktes. Heute gehört sie der Caritas der Warschauer Erzdiözese (Centrum Charytatywne Archidiecezji Warszawskiej Res Sacra Miser).

Die Anfänge der Kirche gehen zurück auf das Jahr 1663, als Tekla Lubomirska einen Teil des Kazanowski-Palais den Unbeschuhten Karmelitinnen überab. Diese ließen ihn vom Architekten Giovanni Battista Gisleni in ein Kloster umbauen. In den Jahren 1696-1699 wiederrum ließen sie an das Kloster noch eine Kirche anbauen, welche so bis heute erhalten geblieben ist. Der Architekt der Kirche ist leider unbekannt. Damals hieß das Gebetshaus noch Kirche der Heiligen Theresa (von Ávila). 

Lesen Sie auch  Eine Glocke in Warschau "Made in Germany"

Am 17. Dezember 1818 wurden die Schwestern durch die Zarenadministration (Warschau lag in Kongresspolen, welches dem russischen Zarenreich unterstand) aus dem Palast vertrieben. Der neue Eigentümer wurde die Warschauer Wohltätigkeitsgesellschaft, die bis 1950 existierte. Die Charité-Schwestern bekamen die Kirche in ihre Obhut und erfüllen die Aufgabe bis heute.

Nach dem Rauswurf 1818 wurde die Inschrift auf der Fassade angebracht, welche vom Architekten Antoni Corazzi im klassizistischen Stil umgestaltet wurde (bis 1820). Damals wurde zur Erreichung einer Symmetrie gegenüber der eigentlichen Kirche ein Zwillingseck angebaut. Dort befand sich jedoch nie eine Kirche.

Während des 2. Weltkrieges wurde der Kazanowski-Palais erheblich zerstört und mit viel Mühe wieder aufgebaut. Die Kirche kam relativ glimpflich davon. Das Dach ist abgebrannt und womöglich hat auch das Gewölbe gelitten.

Seit 1979 arbeitete hier der berühmteste Priester Polens Jerzy Popieluszko als Seelsorger der Krankenschwestern. Er wurde 1984 vom Sicherheitsdients ermordet und in den Fluss geworfen.

Der Innenraum

Die Kirche ist einschiffig (Saalkirche) und ist von einer dekorierten Balustrade aus Stahl umringt. In der Empore befindet sich eine Orgel der Firma von Leopold Hartmann von 1908.

Der Altar

Den Hauptaltar schmückt das Gemälde der Heiligen Jungfrau von Tschenstochau, welches mit vier weiteren Gemälden zugedeckt wird. Die Gemälde können untereinander ausgetauscht werden.

Um den Altarbereich herum wurden zwei Türen mit Steinrahmen aus dem 17. Jahrhundert angebracht.

Kellerbereich

Im Kellerbereich gibt es zahlreiche Gräber von Karmelitinnen. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden dort auch kleine Kinder wohlhabender Familien begraben. Hier wurde u.a. die Tochter des polnischen Königs Jan Kazimierz Maria Theresa beigelegt.

Lesen Sie auch  Karmeliter-Kirche

Der Pelikan

Auf der Außenfassade krönt ein Pelikan, der seine Kinder füttert. Es ist das Symbol der Wohltätigkeit, ein Symbol der christlichen Aufopferung und der Sorge um die Bedürftigen.

res-sacra-miser-pelikan

Pelikan auf der Fassade der Res Sacra Miser Kirche in Warschau

Der Orden der Unbeschuhten Karmelitinnen

Eigentlich müsste man die Karmelitinnen immer mit dem Attribut „unbeschuht“ bezeichnen, um sie vom eigentlichen Orden der Karmelitinnen abzugrenzen, welcher schon im 15. Jahrhundert gegründet wurde. Die Unbeschuhten Karmelitinnen oder auch Teresianischer Karmel genannt, ist ein Reformzweig, der 1568 von der Heiligen Teresa von Ávila und Johannes vom Kreuz gegründet wurde. Ihre Leitidee war die Rückführung zu den Quellen.

Nebenbei: nur wenige Minuten entfernt steht die Karmeliter-Kirche, auf derer Fassade die Figur der Hl. Teresa von Ávila steht.

Das Ordenskürzel lautet OCD (Ordo Carmelitarum Discalceatorum).

Die Schwestern wurden auf Initiative des Kanzlers der Krone Jerzy Ossoliński 1649 nach Warschau gebracht. In der Nähe der Ossoolińskich-Straße stellte er den Schwestern ein Kloster und eine Kirche aus Holz zur Verfügung. Diese Bebauung wurde 1657 während des schwedisch-polnischen Krieges (1655-1660) völlig zerstört.

Seine Tochter Helena Tekla und ihr Gatte Aleksander Lubomirski schenkten den Unbeschuhten Karmelitinnen daraufhin die Hälfte des Kazanowski-Palais. Dieser war nach dem schwedisch-polnischen Krieg (1655-1660) in einem sehr schlechten Zustand.

Als sie 1818 von der zaristischen Verwaltung aus Kirche und Kloster rausgeworfen wurden, zogen sie nach Krakau, welches unter österreichischer Verwaltung stand.

Mehrere Kirchen unter einem Dach

Neben den Gottesdiensten in polnischer Sprache finden hier auch Messen in litauischer Sprache statt. Des weiteren kann man hier an katholischen Messen im armenischen Ritus teilnehmen. Zu guter Letzt hat ihr auch die Anglikanische Kirche in Polen ihren Sitz.

Am 1 Dezember 2009 wurde in Warschau eine Pfarrei der armenisch-katholischen Kirche eröffnet. Zum Pfarrer der Pfarrei wurde Artur Avdalyan ernannt.

Bücherquellen

  • Luft, Andrzej: Przewodnik po kościołach na trakcie królewskim Warszawy, Warszawa 1981, Wydanie 2, Wydawnictwa Rady Prymasowskiej budowy kościołów,  S. 6-7
  • Kollektivarbeit: Kościoły Warszawy, Warszawa 1982, Wydawnictwa Rady Prymasowskiej budowy kościołów Warszawy, S. 121 [polnisch].

Weitere Quellen

Eigentümer

Lizenzierter Stadtführer in Warschau und Eigentümer von Walking Poland.

antoniwladyka74@gmail.com

Kommentieren