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Karmeliter-Kirche in Warschau am Königsweg

Bild © Matpol222 [CC BY-SA 4.0 – wikimedia]   |    English

Der folgende Beitrag ist eine detaillierte Beschreibung der Karmeliter-Kirche in Warschau. Falls nur eine touristische Übersicht benötigst, klicke bitte auf den folgenden Link.

Einführung

Welch hohen Rang die Geschichte in Polen einnimmt, kann man an der Karmeliter-Kirche in Warschau sehen. Obwohl sie zu den schönsten Kirchen in Warschau gehört, wird sie von den Warschauern und hiesigen Stadtführern nur in den seltensten Fällen gezeigt oder erwähnt. Hier ist historisch schlicht nichts erwähnenswertes geschehen. Das ist womöglich auch der Grund füe die eher spärliche Anzahl an Dokumenten, die über dieses Gotteshaus handeln.

Wenn Du also auf eigene Faust durch die Krakowskie-Przedmiesie-Straße (Königsweg) umherschlendern solltest, verweile doch kurz vor dieser wunderschönen Steinfassade. Wir erzählen Dir derweil ihre Geschichte.

Die Kirche als Gebäude

Der offizielle Name lautet Mariä-Himmelfahrts-und-Hl.-Josef-Kirche. 

Das Kirchengebäude wurde in den Jahren 1661-1681 erbaut, obwohl in den Geschichtsbüchern oft das Jahr 1643 als Jahr der Fertigstellung angegeben wird. Sogar die Ordensbücher halten in ihren Annalen genau dieses Jahr fest. Es hat sehr wahrscheinlich an den fehlenden finanziellen Mitteln gelegen, dass der Bau sich in die Länge zog.

Isidor Affaitati der Ältere entwarf das Projekt im Barockstil für die Unbeschuhten Karmeliter, die sich 1634 in Warschau niedergelassen haben. Eingeweiht wurde die Karmeliter-Kirche  endlich im Jahre 1716 vom Geistlichen Augustyn Wessel. Heute gehört die Kirche der Geistlichen Hochschule des Warschauer Metropolitanbistums (Metropolitan Higher Seminary in Warsaw / Wyższe Metropolitalne Seminarium Duchowne św. Jana Chrzciciela w Warszawie). In dieser kirchlichen Hochschule werden Priester auf ihren geistlichen Dienst vorbereitet. Seit nun mehr als 300 Jahren gibt es diese Institution ohne Unterbrechung. Der berühmteste Absolvent war der Priester Jerzy Popiełuszko (1947-1984), der vom polnischen Sicherheitsdienst ermordet wurde.

Zum Nachlesen  Die Dreifaltigkeitskirche in Warschau und die Geschichte der Protestanten in Polen

Von 1762-1780 baute Ephraim Schröger die Außenfassade, die bisher relativ armselig ausgesehen hatte, im Stil des Klassizismus um. Es ist die erste klassizistische Fassade aus Stein im damaligen Königreich Polen (Teilstaat der Königlichen Republik Polen-Litauen).

1925 wurde an der Nordseite im neoklassizistischen Stil eine Bibliothek angebaut. Der Architekt war Konstanty Jakimowicz.

Das Gebäude wurde während des 2. Weltkrieges nicht zerstört und  übernahm von 1945 bis zur Einweihung der wiedererrichteten Johanneskathedrale 1952 die Funktion einer Kathedrale, ohne selbst eine Kathedrale zu sein (Konkathedrale).

In den Jahren 2010-2015 fanden zahlreiche Renovierungsarbeiten statt.

Die Außenfassade

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Wappen der Radziwill-Familie

Während man im Innenraum noch klar den Barokstil erkennnen kann, präsentiert sich die Außenfassade im klassizistischen Stil mit einigen wenigen Elementen des Barock.

Der Haupteingang wurde mit einem grünlich-schwarzem Marmorportal verziert, über welchem sich das Wappen der Magnatenfamilie Radziwiłł befindet. Zu erkennen sind die Radziwill-Trompeten auf silbernem Feld mit goldenem Zierbeschlag verbunden mit Mundstücken (Trąba radziwiłłowska). Die Radziwiłł-Familie war die Stifterin der Kirchenfassade.

Über der Fassade sind auf beiden Seiten Glockentürme in Form von Weihrauchfässern zu erkennen. Die darin befindlichen Glocken stammen aus dem Jahr 2000. Auf derselben Höhe stehen die Figuren der Heiligen Theresa von Ávila (1515-1582) und Elija (Prophet; 9. Jahrhundert v. Chr.). Über ihren Köpfen wurden Medaillons mit ihren Büsten eingemeißelt, dummerweise falsch herum.

Weiter oben befinden sich Figuren mit folgender Symbolik (von links nach rechts):

  • Mutter mit Kinde und zwei Engel: Liebe
  • Päpstliche Insignien: Die katholische Kirche
  • Frau mit Anker und einer Putte: Hoffnung

Auf der Fassage krönt eine Kugel aus Kupfer, auf welcher sich eine Oplate befindet. Die Kugel ist verflochten mit der besiegten Schlange des Bösen. Das ergibt das Symbol des Glaubens.

Mit dieser Kugel entstand das warschauer Sprichwort  anschwellen wie das Karmelitergefäß (spuchnąć jak bania karmelicka). 

Die Altäre

Im Innenraum der Kirche befinden sich 12 Altäre.

Hauptaltar des Hl. Josef aus dem 18. Jahrhundert. Vorher gab es hier schon zwei Altäre. Vom ersten Altar blieb das Gemälde mit Josef und dem Christkind übrig. Vom Zweiten die Figur der Heiligen Theresa und Johannes vom Kreuz. Dazu noch die Säulen. Über dem Altar krönt Gloria mit dem Bildnis Gottes und der Weltkugel, ein Werk von Jan Jerzy Plersch.

Neben dem Hauptaltar gibt es noch zehn weitere Altäre, jeweils fünf auf jeder Seite des Hauptschiffes. Die meisten Altäre stammen von Leon Sużyński aus dem Jahre 1857.

Die Kapelle mit dem Christusgrab befindet sich direkt neben dem Presbyterium entworfen von Henryk Marconi im Jahre 1862. Die Wandmalereien stammen von seinem Sohn Karol Marconi, der Altar von Adam Nowicki.

Die Kanzel

Die Kanzel stammt aus dem 18. Jahrhundert. Der Autor war wahrscheinlich Tylman van Gameren. Auf ihr sind Allegorien der vier Kontinente, die Mariä-Himmelfahrt mit einer Taube sowie die Heiligen des Karmeliterordens zu sehen.

Renovierungsarbeiten 2010-2013

Zunächst wurde der Stuck im Presbyterium aus dem 18. Jahrhundert (original) erneuert. Während dieser Arbeiten entdeckte man drei Fresken.

Als man die Wandflächen malte ist aufgefallen, dass die Kirche anfangs aus Sandstein gebaut werden sollte. Diese Wände sind jedoch nur 160 Zentimeter hoch, der Rest wurde aus Ziegelsteinen fertiggestellt.

Es folgte die Aufarbeitung der hölzernen Bänke und die Installation der Fußbodenheizung.

2012 wurde der Altar des Hl. Josef renoviert. Hinter dem Altar fand man ein weiteres Fresko aus der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts, also aus der ersten Bauphase. Das Fresko wurde nicht beendet, da der polnisch-schwedische Krieg die Bauarbeiten unterbrach. Zwischen den zwei Hauptaltären fand man eine weitere Überraschung. Es tauchte ein Chor auf, in welchem noch zwei alte Chorgeställe erhalten waren. Jene waren jedoch für die Renovierung nicht vorgesehen und müssen aufgrund fehlender finanzieller Mittel mit der Renovierung warten.

Auch die Krypten werden renoviert. Momentan finden dort Ausgrabunsarbeiten statt, da sich dort zahlreiche Skelette befinden.

Der Orden der Unbeschuhten Karmeliter

Die Karmeliter kamen 1617 nach Polen und schon 1634 nach Warschau. Ihre Hauptaufgabe bestand darin die Bewohner der umliegenden Stadt zu lehren. Das erscheint umso merkwürdiger, wenn man bedenkt, dass dieser Orden der Klausur unterliegt.

Nach dem Januaraufstand 1864 wurde der Orden aufgelöst und das Gebäude dem Seminarium übergeben.

Ein vergessenes Ereignis

Eine kleine Geschichte, welche in Verbindung mit der Karmeliter-Kirche in Warschau im Zusammenhang steht, gibt es dann doch. Am 1. September 1705 begannen in diesem Gebäude die Verhandlungen über den endgültigen Frieden zwischen Polen und Schweden. An den Gesprächen nahmen Stanisław Leszczyński und Karl XIII. teil. Am 18. November wurde der Frieden unterzeichnet.

In diesen Monaten war in der Kirche viel los. Sie hatte also ihre – wenn auch sehr unglücklichen – fünf Minuten.

Die Hauptakteure sind in der polnischen Geschichte zudem nicht sonderlich beliebt, was zum gezielten Vergessen dieses Ereignisses geführt haben mag.

Stanisław Leszczyński, der zweimalige König von Polen

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Stanislaw Leszczynski gemalt von Jan Matejko

Er ist in Lemberg (Lwów / Lviv, heute Ukraine, damals Königreich Polen) geboren und war als einziger zwei Mal König von Polen. Zunächst von 1704 bis 1709 und schließlich von 1733 bis 1736. 1705 fand in der Johanneskathedrale, damals noch eine schlichte Pfarrkirche, die erste polnische Königskrönung außerhalb Krakaus statt. Die zweite und letzte war die Königskrönung vom letzten polnischen König Stanisław August Poniatowski.

Während des Bürgerkrieges von 1704-1706 besetzten schwedische Truppen die polnische Hauptstadt Warschau. Der polnische Adel setzte den 1697 gewählten August II. den Starken (als Friedrich August I. Kurfürst und Herzog von Sachsen) 1706 ab. Erst als die Schweden bei der Schlacht bei Poltawa gegen Russland eine schwere Niederlage erlitten, zogen sie sich aus Polen zurück. Stanisław Leszczyński floh daraufhin aus Polen nach Schweden.

Als August der Starke 1733 verstarb, ging die ganze Geschichte nochmals los. Die zwei politischen Lager von Stanisław Leszczyński auf der einen und diejenigen von August III. auf der anderen kämpften um die polnische Krone.

Den Rest seines Lebens verbrachte er als Herr über Lothringen. Der größte Platz in Nancy heißt bis heute Place Stanislas. 

Seine Handlungen waren stets gegen das Königreich Polen gerichtet und verursachten große politische wie wirtschaftliche Schäden.

Bücherquellen

  • Julian Bartoszewicz, Kościoły warszawskie rzymsko-katolickie opisane pod względem historycznym, Warszawa 1855, Drukarnia S. Orgelbranda przy ulicy Miodowej Nr. 495, S. 111-126 (Polnisch)
  • Geistliche Hochschule des Warschauer Metropolitanbistums – Geschichte der Kirche (Polnisch)

 

Gründer von Walking Poland und lizenzierter Stadtführer in Warschau

"Mein polnisches Herz pumpt das Blut ins deutsche Hirn"

antoni@meinwarschau.com

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