Spezialthemen

Andere Städte

Folge uns

GO UP
Image Alt

Das Nationalstadion in Warschau. Von einer wilden Insel zum Jarmark Europa hin zum Sportolymp

nationalstadion-warschau

Das Nationalstadion in Warschau. Von einer wilden Insel zum Jarmark Europa hin zum Sportolymp

Eine bewegte Geschichte am rechten Weichselufer

[Beitragsbild: Das Nationalstadion @ Ciy of Warsaw] Das östliche Weichselufer in Warschau war über Jahrhunderte ein schwer beherrschbares Überschwemmungsgebiet. Zwischen Nebenarmen, Weidengebüsch und wilden Uferzonen entstand eine Landschaft, die lange kaum für eine dauerhafte Besiedlung geeignet war. Praga erhielt zwar bereits 1648 die Stadtrechte, doch fehlten steinerne Befestigungen und natürliche Schutzbarrieren, sodass das Gebiet immer wieder Ziel feindlicher Armeen wurde. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann hier eine ernsthafte städtebauliche Entwicklung. Auch die Geschichte des heutigen Nationalstadions folgt diesem typisch „pragaer“ Muster: Sie beginnt mit einer wilden Insel, führt über ehrgeizige Bauprojekte und einen unvollendeten Hafen, geht weiter zum legendären Jarmark Europa und endet schließlich beim Nationalstadion Warschau, in dem 2012 das Eröffnungsspiel der Fußball-Europameisterschaft stattfand. Kaum ein anderer Ort in Warschau erzählt die wechselvolle Geschichte dieser Stadt so eindrucksvoll wie dieses Gelände.

Am Anfang stand eine Insel

Wer heute auf Google Maps den Abschnitt des östlichen Weichselufers zwischen der Gdański-Brücke und der Łazienkowski-Brücke betrachtet, erkennt sofort eine auffallend breite Freifläche zwischen der Nord-Süd-Achse und dem Fluss. Stellenweise misst sie bis zu 200 Meter. Das hängt mit der natürlichen Dynamik der Weichsel zusammen: Der Fluss wurde in Warschau nie vollständig reguliert oder begradigt. Bis heute gehört dieses Gebiet zu den geschützten Flusslandschaften und steht unter dem Schutzprogramm Natura 2000.

Eine natürliche Eigendynamik

Gerade diese Unberechenbarkeit machte das Ufer über lange Zeit für eine dauerhafte Besiedlung ungeeignet. Im 16. Jahrhundert suchte sich die Weichsel auf Höhe des heutigen Stadions einen Weg ins Landesinnere und bildete eine lange, schmale Bucht. Dieser Wasserarm verlief zunächst südwestlich, bog später in einem Halbkreis wieder nach Süden ab und mündete schließlich zurück in den Hauptstrom. So entstand eine dicht bewachsene Insel, um die sich bald zahlreiche Geschichten rankten. Hier soll es illegalen Alkoholschmuggel, mafiöse Abrechnungen und heimliche Liebesabenteuer gegeben haben.

Spaß und Vergnügen

Die Insel bestand bis ins 19. Jahrhundert. Erst als sich einer der Wasserarme verkürzte, wurde aus ihr eine breite Landzunge. Südlich davon entstanden hunderte hölzerne Häuser, Biergärten und Gastwirtschaften im Gebiet des heutigen Saska Kępa. Warschauer von der linken Flussseite setzten mit Booten über, um hier ihre Freizeit zu verbringen. Nicht selten endeten solche Ausflüge unerquicklich: Manche Gäste sollen auf der wilden Insel ohne Geld und ohne Kleidung wieder aufgewacht sein.

Diese exzessive Vergnügungskultur trug schließlich zum Niedergang des Ausgehviertels bei. Gleichzeitig begann die Stadt darüber nachzudenken, das Gebiet planvoll zu entwickeln.

Die Poniatowski-Brücke

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde mit dem Bau der Poniatowski-Brücke ein wichtiger Impuls für die Entwicklung des rechten Weichselufers gesetzt. Die Brücke sollte die damalige Kierbedź-Brücke im Norden entlasten und den südlichen Teil Warschaus besser mit Praga verbinden. Auf der östlichen Seite befanden sich damals jedoch kaum mehr als die erwähnte Landzunge, einige Häuser in Saska Kępa und weitläufige, sumpfige Wiesen, auf denen Bauern ihre Schafe und Kühe weiden ließen.

Mit der neuen Brücke verband man die Hoffnung, diesem kaum erschlossenen Gebiet neue städtebauliche Impulse zu geben. 1913 wurde sie fertiggestellt – gerade noch rechtzeitig vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Die heutige Aleja Poniatowskiego bis zum Rondo Waszyngtona wurde zugleich als Damm angelegt. Außerdem entstand eine Verbindungsstraße nach Praga, die heutige ulica Zieleniecka. Das große Weidegebiet wurde in den Skaryszewski-Park umgewandelt. Nördlich der Brücke, auf dem Gelände der früheren Landzunge, plante man einen modernen Flusshafen.

poniatowski-brücke-warschau

Die Poniatowski-Brücke und das Nationalstadion @ Kapitel, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Vom Hafen zum Sportgelände

Die Pläne für einen Hafen am rechten Weichselufer entstanden bereits vor dem Ersten Weltkrieg, doch der Krieg unterbrach das Vorhaben. Vorgesehen waren insgesamt neun Hafenbecken, die durch die sogenannte Durchmesserlinie der Eisenbahn in zwei Gruppen geteilt werden sollten. Wegen finanzieller Engpässe wurden jedoch nur drei Becken verwirklicht. Diese sind bis heute nördlich der Bahntrasse erkennbar. Die dortige Station trägt heute den Namen „Stadion“ und ist zusätzlich an die Warschauer Metro angeschlossen. Der Flusshafen wurde 1927 eröffnet. Auf Teilen des früheren Hafengeländes entsteht heute eine Wohnsiedlung im gehobenen Standard.

Auf den freien Flächen zwischen der Durchmesserlinie, der Zieleniecka-Straße und der Aleja Poniatowskiego wurden in der Zwischenkriegszeit zwei kleinere Stadien errichtet. Eines davon gehörte dem jüdischen Sportverein Makabi. Auf dem Gelände des ehemaligen Vergnügungsviertels entstanden Wohnhäuser. Dort verläuft heute die bei Warschauern äußerst beliebte Francuska-Straße mit ihren zahlreichen Cafés, Restaurants und Bars.

Darüber hinaus plante die Stadt Warschau auf diesem Areal ein großes EXPO-Gelände mit Museen und Ausstellungshallen. Die Eröffnung war für den Sommer 1944 vorgesehen – als symbolischer Bezug auf den 25. Jahrestag der wiedererlangten Unabhängigkeit Polens. Der Krieg machte auch diesem Vorhaben ein Ende.

Das Stadion des 10. Jahrestags des Juli-Manifestes

In der Volksrepublik Polen war der 22. Juli einer der wichtigsten staatlichen Feiertage. An diesem Tag gedachte man des sogenannten Lubliner Manifestes, das von den Kommunisten als Gründungsdatum des neuen Polen interpretiert wurde. Deshalb wurden zahlreiche bedeutende Bauprojekte bewusst an diesem Datum eröffnet – darunter der Kulturpalast, die MDM-Siedlung, der Tunnel der W-Z-Trasse und auch das Stadion des 10. Jahrestags des Juli-Manifestes.

Das Stadion wurde am 22. Juli 1955 eröffnet. Zwar fiel das tatsächliche Datum elf Jahre nach dem Lubliner Manifest, doch der Name mit dem „10. Jahrestag“ blieb bestehen. Hier fanden Fußballspiele, Leichtathletikveranstaltungen und politische Kundgebungen statt.

Dass das Stadion gerade auf dem Gelände des unvollendeten Hafens und der früheren kleineren Sportanlagen entstand, war zunächst keineswegs selbstverständlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollten Warschauer Stadtplaner das Weichseltal in einen weitgehend unbebauten Grün- und Erholungsraum verwandeln. Dieser langgestreckte Gürtel sollte sich von Norden nach Süden durch die Stadt ziehen und als grüne Lunge dienen. Zwischen Bäumen und Wiesen waren kleinere Sport-, Kultur- und Freizeitanlagen vorgesehen. Das eigentliche große Sportzentrum der Hauptstadt sollte ursprünglich in Siekierki entstehen. Doch letztlich entschied man sich anders.

stadion-dziesieciolecia-warschau

Das 10-Jahres-Stadion in den 60ern @ Public Domain

Müll und Schutt als Unterbau für das Nationalstadion

Auf dem Gelände der ehemaligen kleineren Stadien befand sich nach dem Krieg eine große Müll- und Schuttdeponie. Genau auf diesem Trümmerberg wurde das Stadion errichtet – zunächst als eher provisorische Lösung. Spielfeld und Tribünen für 71.008 Zuschauer wurden tief in das Gelände eingepasst. Die Stadionkrone hatte Ausmaße von 240 x 244 Metern und wirkte von außen fast kreisförmig, während das Spielfeld selbst die Form einer Ellipse besaß. Jedem Zuschauer standen auf den langen Sitzbänken gerade einmal 46 Zentimeter Platz zur Verfügung. Für den Bau nutzte man rund zwei Millionen Kubikmeter Trümmerschutt aus dem zerstörten linksseitigen Warschau.

Um das Stadion besser anzubinden, wurde die bis heute bestehende Bahnstation „Stadion“ ergänzt.

Ein entscheidender Nachteil war allerdings das Fehlen einer modernen Flutlichtanlage. In einer Zeit, in der sich der Fernsehsport immer stärker entwickelte und Spiele zunehmend am Abend stattfanden, wurde dies zum großen Problem. Alle Modernisierungsversuche scheiterten. In den 1980er Jahren war das Stadion nur noch ein verfallender, mit Gras überwucherter Betonriese.

Nach 1989

Mit dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems 1989 begann für Polen eine völlig neue Epoche. Auch das alte Stadion musste eine neue Funktion finden. In den frühen Jahren der Transformation wurde der freie Handel zu einem der deutlichsten Symbole des neuen Systems. Überall wurde gekauft, verkauft, improvisiert und gehandelt. Wer es etwas organisierter mochte, ging auf den Jarmark Europa, der dem alten Stadion eine zweite, ganz eigene Karriere bescherte.

Der größte Basar Europas

Auf rund 32 Hektar boten Händler aus Nigeria, Vietnam, der Mongolei, der Ukraine, Russland und dem Nahen Osten Waren aller Art an – von Kleidung und Hochzeitskleidern über Zigaretten und Alkohol bis hin zu kuriosen und teilweise illegalen Angeboten. Die gestreifte Kunststofftasche wurde dabei fast zum Symbol dieser Zeit. Für viele ausländische Besucher gehörte der Basar bald ebenso zu Warschau wie der Kulturpalast.

Anfangs wurde nur samstags gehandelt, später täglich. Für Sicherheit und Ordnung sorgte das Privatunternehmen „Damis“. Die Bezeichnung „Jarmark Europa“ setzte sich erst 1996 durch. Schätzungen zufolge lebten zeitweise bis zu 250.000 Menschen direkt oder indirekt von diesem Basar. Ende der 1990er Jahre zählte der Jarmark zu den umsatzstärksten Handelsplätzen des Landes. Wer mit dem Zug über die Weichsel fuhr, erkannte ihn sofort an seinen bunten Blechdächern. Das Gelände wirkte chaotisch, improvisiert und zugleich faszinierend – wie eine eigene Stadt in der Stadt.

Am 30. September 2007 wurde der Jarmark Europa endgültig geschlossen.

Das Nationalstadion Warschau

Als man beschloss, auf diesem Gelände ein neues Stadion zu errichten, blieb der alte Trümmerkörper weitgehend erhalten. Eine vollständige Räumung wäre logistisch äußerst aufwendig gewesen. Zudem hätten umfangreiche archäologische Untersuchungen das Projekt erheblich verzögert. Deshalb wurde das neue Nationalstadion gewissermaßen auf den vorhandenen Strukturen aufgebaut. Nicht nur der Damm des alten Stadions blieb erhalten, sondern auch Teile der früheren Geländemodellierung. Noch heute lässt sich der alte Abhang erkennen, wenn man vor dem Stadion steht.

Das Nationalstadion, das besonders am Abend mit seiner weiß-roten Fassade eindrucksvoll leuchtet, kostete rund 500 Millionen Euro. Hier fand 2012 das Eröffnungsspiel der Fußball-Europameisterschaft statt. Damit wurde ein Ort, der einst wilde Insel, Hafenprojekt, sozialistisches Stadion und gigantischer Basar gewesen war, endgültig zu einem der wichtigsten Wahrzeichen des modernen Warschau.

nationalstadion-warschau

Das Nationalstadion @ City of Warsaw

Quellen

Skarpa Warszawska (Monatszeitschrift) Nr. 5 (145), Mai 2021

Gründer von Walking Warsaw und lizenzierter Stadtführer in Warschau

"Mein polnisches Herz pumpt das Blut ins deutsche Hirn"

antoni@meinwarschau.com

Jetzt Buchen