Spezialthemen

Andere Städte

Folge uns

Folge uns

GO UP
polin-synagoge

Die Große Synagoge in Warschau

Der folgende Beitrag ist eine detaillierte Beschreibung der Großen Synagoge in Warschau. Für eine touristische Übersicht klicke bitte auf den folgenden Link.

Am 26.09.1878 wurde an der Tlomackie-Straße in Warschau feierlich die Große Synagoge eröffnet. Die Zeremonie leitete der Vorsitzende des schon in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts gegründeten Baukomitees Henryk Natason. In Warschau war in jener Zeit nahezu jeder vierte Bewohner ein Jude.

Situation der Juden in Warschau vor dem Bau der Synagoge

Das Thema des Baus eines großen jüdischen Gebetshauses kam in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts auf. Obwohl es in Warschau unzählige Synagogen gab, wollte die Jüdische Gemeinde nun eine Hauptsynagoge, die nicht nur ein lokales Lehrhaus (dt. beit midrasch / pl. bejt midrasz) war. Solcher Haussynagogen gab es in Warschau im Jahre 1866 etwas mehr als 100. Die Chassiden nannten diese Lehrhäuser szul oder szil (dt. Aussprache: schul oder schiel).

Die bis dahin berühmteste Synagoge befand sich an der Danilowiczowska-Straße. Der Direktor war Isaak Flatau, der die Synagoge in deutscher Sprache leitete. Daher nannte man sie auch Dajcze-Szul (lies: deitsche schul).

Das Judentum in Warschau hatte bis zum Ausbruch des 2. Weltkrieges viele Gesichter. Der Chasidismus, der aus dem orthodoxen Osten kam, aber eine tänzerisch-fröhliche Variante der Orthodoxie lebten. Die Haskala, das liberale und aufgeklärte Judentum, welches aus Königsberg und Berlin nach Warschau rüberschwappte. Der Frankismus, dessen Mitglieder 1759 zum Katholizismus konvertierten. Oder auch  die Neofiten, die meisten zum Protestantismus übergingen, weil er ihnen am nächsten stand. In den 80ern und 90ern des 19. Jahrhundert ziehen schließlich bis zu 100 Tausend sogenannte Litwaken aufgrund des wachsenden Antisemitismus im zaristischen Russland nach Kongresspolen. Ihre Muttersprache ist, anders als bei den Alteingesessenen Juden, Russisch.

Zum Nachlesen  Palmiry-Museum im Kampinos-Nationalpark

Trotz zahlreicher gesellschaftlicher Probleme zwischen den Katholiken und Juden in Warschau, blüht die Jüdische Gemeinde Ende des 19. Jahrhunderts auf. Warschau entwickelt sich zur Stadt mit dem prozentual höchsten Anteil von Juden an der Gesamtbevölkerung. Es sind 35,4 Prozent in Warschau und 16 Prozent in Kongresspolen. Die Gesamtzahl verdreifachte sich, u.a. durch die oben genannten Litwaken. Warschau wurde zum Mekka jüdischer Kultur auf der ganzen Welt!

In dieser Zeit übernimmt Ludwik Natanson das Zepter in der jüdischen Gemeinde. Aus 100 Tausend Rubel im Minus verzwanzigfachte er das Eigentum der Gemeinde. Er beauftragte den Bau einer imposanten Großen Synagoge, die von den Mitgliedern des Haskala, den Maskalim, finanziert wurde.

Daher verwundern nicht die offenen Worte des Predigers Isaak Cylkow während der Zeremonie:

„Wir hoffen in Gott, dass wir nie wieder als eine getrennte Gemeinschaft betrachtet und als ein getrenntes Volk behandelt werden, sondern als berechtigte Söhne unseres Landes, als Bürger eines Staates […] Wir werden den ersehnten Hafen der Menschheit erreichen, wo der Gipfel der Zivilisation die Worte sein werden: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, liebe den Fremden, ganz gleich, in welchem Tempel er Gott anbetet, zu welchem Stamm er gehört.“

Eröffnung der Großen Synagoge in Warschau

Der Bau begann 1875 und dauerte drei Jahre. Der Architekt war Leandro Marconi.  Am 18.09.1874 bestätigte die Baukommission sein Projekt. Doch erst nach knapp eineinhalb Jahren, am 14. Mail 1876, wurde in die Grundmauern der Gründungsakt gelegt. Die Kosten beliefen sich auf knapp 200 Tausend Rubel in Silber. Die Synagoge sollte insgesamt 2200 Gläubigen Platz bieten. Der Bau selbst dauerte zwei Jahre.

Zum Nachlesen  Katyń-Museum

Interessant ist die Inschrift unter dem Tympanon, die lautete: „Dem einzigen Gott zu Ehren, unter der Regentschaft Alexanders II., des Zaren Allrusslands und König von Polen.“ Wir schreiben das Jahr 1878, formell gab es das Königreich Polen nicht mehr, welches nach den gescheiterten Aufständen von 1831 und 1863 von der Liste der besetzten russischen Gebiete gestrichen wurde. Man nannte das Land an der Weichsel einfach nur noch Weichselland. Doch die polnischen Untertanen demonstrierten ihrerseits ihr Selbstbewusstsein. Isaak Cylkow, der erste Rabbi der Großen Synagoge und Verfasser der oben zitierten Ansprache, hat den Vertreter der russischen Staatsmacht Paul Kotzebue bei der Eröffnungsfeier auf polnisch empfangen, obwohl polnisch keine Amtssprache mehr war. Auch hat er die Eröffnungsrede auf polnisch gehalten – entgegen der russichen Bestimmungen. 

grosse-synagoge-warschau

Die Große Synagoge von Warschau. Zerstört 1943.

Architektur

Die Synagoge hatte einen Grundriss eines lateinischen Kreuzes. Der Stil entsprach dem Klassizismus. Der Eingang war ein Säulengang mit vier Säulen, oben ein Tympanon. Der Korpus wurde von einem Spitzdach überdeckt, welcher von einer Kuppel gekrönt wurde. Im Innern gab es 2200 Sitzplätze, unten saßen die Männer, auf der Galerie die Frauen. Das Hauptschiff wurde von einer halbrunden Apsis abgeschlossen. Der Toraschrein wurde aus Zedernholz aus dem Libanon angefertigt.

Assimilation, Orgelspiele und staatliche Feiertage

Die Geldgeber der neuen Synagoge waren entschiedene Befürworter der Assimilation der jüdischen Bevölkerung. In der Zwischenkriegszeit, während des Bestehens der 2. Republik Polen, wurden Gottesdienste zur Andacht staatlicher Feiertage gehalten. Darunter waren natürlich der Unabhängigkeitstag oder der Tag der Verfassung vom 3. Mai 1791. Die Christen besuchten die Synagoge, um den weltberühmten Chor bei seinen Konzerten klassischer Musik zu hören.

Die Synagoge diente nur einem kleinen Teil der jüdischen Bevölkerung in Warschau. Die Mehrzahl der Juden waren Chasiden oder streng Orthodoxe, die der Synagoge fernblieben. Allein die polnische Sprache war ihnen ein Graus. Auf dem Gewölbe tauchte zwei Mal der volle Name Gottes auf, was für orthodoxe Juden inakzeptabel war.

2. Weltkrieg und Zerstörung

Nach der Kapitulation Warschaus am 28. September 1939 begannen die Nationalsozialisten mit massiven Repressalien gegen die polnische aber vor allem gegen die jüdische Bevölkerung der Stadt.

Schon im April 1940 begann der Bau der 16 Kilometer langen und 3 Meter hohen Mauer des Warschauer Ghettos. Am 2. Oktober 1940 wurde das Ghetto errichtet und am 16. November 1940 vom Rest der Stadt abgeschottet.

Anfangs befand sich die Synagoge noch innerhalb der Ghettomauern, sie wurde jedoch stark beschädigt und ausgeraubt und geschlossen. 1941 wurde sie mit Erlaubnis der Besatzer für kurze Zeit geöffnet. Die erneute Schließung folgte im März 1942. Ab Juli 1942, nach Auflösung des kleinen Ghettos im Süden und Neuziehung der Ghettogrenzen (Aktion Reinhard / Endlösung der Judenfrage) lag die Synagoge nun außerhalb der Mauern und verlor damit auch ihre eigentliche Funktion. Die Besatzer benutzten das Gebäude als Sammellager für gestohlene Möbel. Am 16. Mai 1943 um 20:15 Uhr sprengten sie das Gebetshaus mit Dynamit in die Luft. Den Hebel betätigte persönlich der SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei Jürgen Stroop .Das war ein symbolischer Akt, mit welchem die Nationalsozialisten die Zerschlagung des Jüdischen Aufstandes bekannt gaben.

Es brauchte 10 Tage, um die erforderliche Menge Dynamit in die entsprechenden Löcher zu platzieren, um so die prächtigste Synagoge in Warschau mit einem kurzen Hebel in die Luft zu sprengen.

Mit der weiteren Zerstörung des Ghettos verlor Warschau zwölf Prozent seiner Bausubstanz.

synagoge-warschau-zerstoerung

Zerstörte Große Synagoge von Warschau

Zeitzeugen

In den 50er Jahren entschied man auf dem Grundstück, wo die Synagoge stand, ein Hochhaus zu errichten. Die Arbeiten wurden in den 70ern begonnen und dauerten 20 (sic!) Jahre. Heute steht der der sogenannte azurblaue Wolkenkratzer. Der kurze Weg hinter dem heute auf dem Grundstück stehendem Hochhaus hat man 1983 Tlomackie-Straße getauft, wie zu Zeiten der Synagoge.

In dem blauen Hochhaus gibt es eine Ausstellung über die Synagoge und die Geschichte der Juden in Warschau.

Im benachbarten Jüdischen Institut kann man noch zwei kleine Elemente finden – eine Nummer der Garderobe und ein Bruchstück einer Säule, die lezten Zeitzeugen der Großen Synagoge von Warschau. 

Gründer von Walking Poland und lizenzierter Stadtführer in Warschau

"Mein polnisches Herz pumpt das Blut ins deutsche Hirn"

antoni@meinwarschau.com

Hinterlasse einen Kommentar

Jetzt Buchen