
Das Grab des Unbekannten Soldaten: eine ungewöhnliche Entstehungsgeschichte
Das Grab des Unbekannten Soldaten ist Schauplatz staatlicher Zeremonien und Symbol der polnischen Identität. Doch seine Entstehungsgeschichte verläuft nicht nach einem klassischen Schema. Das Bauprojekt wurde von Menschen erzwungen, die befürchteten, dass die staatliche Verwaltung es fallen lässt. Alles begann an einem kalten Dezembermorgen des Jahres 1924.
Eine mysteriöse Sandsteinplatte
Noch bevor die Stadt erwachte, schlengelte sich ein kleiner Transporter durch die Straßen der Warschauer Innenstadt (Srodmiescie). Kurz vor sechs Uhr hielt er auf östlicher Seite des Sächsischen Palais, vor dem Reiterstandbild von Fürst Jozef Poniatowski (diese Statue steht aktuell vor dem Präsidentenpalast auf der ulica Krakowskie Przedmiescie). Mehrere Männer luden eine ziemlich schwere Sandsteinplatte ab und ließen sie unbeaufsichtigt liegen. Die Platte war schlicht, rechteckig und hatte oben Kreuz.

Die Poniatowski-Reiterstatue vor dem Sächsischen Palais vor 1939 © Autor unbekannt
Man kann sich vorstellen, was in den folgenden Stunden in Warschau los war. Viele Bewohner blieben auf dem Weg zur Arbeit irritiert und fragend an der Platte stehen und lasen die Aufschrift:
Dem unbekannten Soldaten, gefallen für das Vaterland
Noch bevor die zwölfte Stunde schlug, umschlangen drei Kränze mit weiß-roten Schleifen die Gedenkplatte. Jene kamen nicht von Seiten der Regierung. Auf einem Kranz stand gut sichtbar „Verband der Brennereitechniker“. Es ging also die Frage um: wer hat die Platte hier abgelegt und warum so heimlich?
Eine ziemlich skurrile Situation
Das war natürlich das wichtigste Thema des Tages in Warschau. Zeitungen und Radiosender ließen sich aus über die skurrile Situation. Auf der einen Seite war es ein offensichtlicher Akt der Selbstherrlichkeit, der die offiziellen Behörden bloß stellen sollte. Auf der anderen Seite erkannte man die gutgemeinten Absichten. Schließlich wartete die Bevölkerung schon seit einigen Jahren auf ein derartiges Denkmal. Polen erlangte 1918 die Unabhängigkeit nach 123 Jahren der Nicht-Existenz auf Europas politischer Landkarte. Die Aufopferung der Soldaten durfte dabei nicht schonungslos ignoriert werden.
Der oben genannte Verband der Brennereitechniker war dabei nur ein Sprachrohr einer viel größeren und anonymen Gruppe, die der staatlichen Verwaltung einen bindenden Stups verpassen wollte. Wenn der Staat jetzt nicht endlich tätig wird, dann macht das Volk den letzten Akt der Einweihung des Grabes halt eben alleine. Jozef Kaczkowski, der Vorsitzende des Verbandes, erklärte den Medien, dass Frankreich und England schon längst Gräber für ihre gefallenen Soldaten eingeweiht hätten. Polen müsse unbedingt dazustoßen.
Konkrete Namen wollte Kaczkowski nicht nennen. Er habe sie schlichtweg „vergessen“. Er selber sei dabei nur das ausführende Organ. Erst viele Jahre später wurde bekannt, dass die Initiatoren Mitglieder der Bürgergarde waren, die im Zjednoczenie Polskich Stowarzyszen Rzeczypospolitej verlinkt waren.
Die Aktion war erfolgreich. Nachdem seit 1921 vergeblich Vorschläge und Komitees gemacht und gegründet wurden, ging es nun schlagartig vorwärts. Plötzlich gab es alles, was notwendig war, um das Projekt zu Ende zu bringen: den Willen und Geld. Innerhalb weniger Wochen, im Januar 1925, fasste die polnische Regierung einen Entschluss: Das Grab des Unbekannten Soldaten entsteht im Säulendurchgang des Sächsischen Palais. Finanziert werden soll das Unternehmen aus der Staatskasse. Architekt des Denkmals wurde Stanislaw Ostrowski.
Wahl des Unbekannten Soldaten
Ursprünglich wurde die Einweihungsfeier auf den 3. Mai 1925 festgelegt, also den Gedenktag der Verfassung von 1791, der ersten modernen geschriebenen Verfassung Europas, verkündet im Sejm, der damals im Königsschloss tagte. Allerdings sollte die Feierlichkeit noch eine zusätzliche Dimension erhalten. In dem Grab sollte, nach französischem und englischem Vorbild, ein realer gefallener Soldaten beigesetzt werden. Man entschied sich eine Delegation nach Lwow (Lemberg) zu schicken, die den entsprechenden Soldaten ausfindig machen sollte. Am 29. Oktober wurden dort drei Soldaten exhumiert, von welchen Jadwiga Zarugiewiczowa, deren eigener Sohn im Krieg gefallen und nie gefunden worden war, einen auswählte. Sie wählte einen Soldaten in Schützenuniform, begraben in einer einfachen Mütze, mit schweren Verwundungen. Ein namenloser Held sollte stellvertretend für Tausende eintreten. Das feierliche Geleit wurde zu einer gigantischen nationalen Manifestation. Menschen standen an Bahnhöfen, Straßenrändern, sogar nachts an beleuchteten Gleisen.

Die Wahl des Unbekannten Soldaten in Lwow 1925 © Autor unbekannt
Der große Tag: 2. November 1925
Beim Eintreffen des Zuges am frühen Morgen warteten bereits Regierungsmitglieder, Militärs und unerwartet große Scharen von Bürgern.
Die Truhe wurde mit einem scharlachroten Tuch bedeckt, welches von einem gigantischen weißen Adler geschmückt war. Der Trauerzug führte von der Johanneskathedrale in der Warschauer Altstadt, entlang der ulica Krakowskie Przedmiescie, also dem nördlichsten Abschnitt des Königsweges, zum Platz vor dem Sächsischen Palais, der heute den Namen von Jozef Pilsudski trägt.
Hinter dem Sarg gingen zwei Mütter gefallener Soldaten, zwei Witwen, zwei Waisen und sechs Kriegsinvaliden. Diese Gruppe sollte die Familie des Gefallenen symbolisieren.
Am Grab wurden 14 Urnen mit Erde aus verschiedenen Schlachtfeldern aufgestellt, 24 Salutschüsse abgegeben und eine Gedenkhymne gesungen.
Dann senkte man die Truhe in den vorbereiteten Sarkophag. Die Platte mit der Inschrift „Hier liegt ein polnischer Soldat, gefallen für das Vaterland“ wurde aufgelegt. Das erste Grablicht stellte der Präsident der 2. Republik Polen auf.
Das Grab des Unbekannten Soldaten ist bis heute Schauplatz staatlicher Zeremonien und Symbol der polnischen Identität, die sehr stark vom aufopfernden und kräftezährenden Aufständen und Kämpfen geprägt ist. Durch die von unten erzwungene Aktion hat das Grabmal eine noch stärkere Bedeutung.
Zerstörung und Wiederaufbau
Das Sächsische Palais wurde im Dezember 1944 von den deutschen Besatzern in die Luft gesprengt. Das Grab wurde dabei stark beschädigt. Bereits 1946 wurde das Grab wieder aufgebaut und erneut feierlich enthüllt. Heute bildet es einen dreibogigen Abschnitt der erhalten gebliebenen Kolonnade des Sächsischen Palais.
Der im Oktober 2023 in einem internationalen Wettbewerb ausgewählte Entwurf für den Wiederaufbau des des Gesamtkomplexes auf dem Pilsudski-Platz bestehend aus dem Sächsischen Palais, der Brühlschen Palastes sowie von drei Bürgerhäusern auf der Südseite des Platzes, sieht vor, dass die heute sichtbaren Elemente behutsam hervorgehoben werden, damit sie sich von dem rekonstruierten Teil unterscheiden. Alle sind wirklich gespannt auf das Endergebnis.

Das Projekt des Wiederaufbaus des Sächsischen Palais in Warschau | In der Mitte der Sachsenpalast, rechts der Brühlsche Palast
Eine touristische Übersicht
Wir verfassen über jedes touristische Objekt in Warschau neben einer detaillierten Beschreibug zudem auch eine touristische Übersicht. Klicke dafür auf den folgenden Link:
Touristische Übersicht: Grab des Unbekannten SoldatenLodz war etwas schneller

Das Grab des Unbekannten Soldaten in Lodz nach 1946 © Arewicz via wikimedia
Das erste Grab des Unbekannten Soldaten in Polen war jedoch nicht das oben beschriebene in Warschau, sondern das Soldatendenkmal in Lodz. Es wurde vom Bildhauer Stanislaw Kazimierz Ostrowski entworfen. Den Namen kennen wir doch schon? Genau! Es ist derselbe Autor des Grabes in Warschau.
Das Grab in Lodz wurde am 22. März 1925 vor der Kathedrale von Lodz enthüllt. Die Initiative ging von der Stadt Lodz aus, die einen entsprechenden Beschluss am 18. Dezember 1924 verkündet hatte. Allerdings erlangte das Denkmal in Lodz nicht denselben Stellenwert, wie dasjenige in Warschau. Lodz war nicht nur keine Hauptstadt, sondern auch eine typische große Industriestadt. Ihre 5 Minuten hatte Lodz nach Kriegsende in den ersten sechs Monaten des Jahres 1945, als die kommunistischen Führer kurz überlegt hatte, die Hauptstadt nicht vom zerstörten Warschau ins Landesinnere zu verlegen.
Das Grabmal wurde im November 1939 von der deutschen Besatzungsmacht zertört. 1946 baute man es wieder auf, allerdings in leicht veränderter Form und Ausrichtung. Seitdem trägt es die heute sichtbare Inschrift „Grob Nieznanego Zolnierza“ (Grab des Unbekannten Soldaten).

Das Grab des Unbekannten Soldaten in Lodz auf einer Postkarte vor 1939 © Autor unbekannt
Keiner kennt Lodz besser als Max
Max, unser Teammitglied bei den Stadtführern Warschau, ist unser Experte für die Stadt Lodz. Da er zwischen Warschau und Lodz hin- und herpendelt, bieten wir natürlich unseren Gästen die Möglichkeit an, auch Lodz zu besichtigen. Die Anfahrt ist wirklich gemütlich (Zug oder Auto) und da Max seinen Hauptwohnsitz in Lodz, erwartet er euch quasi schon am Bahnhof oder an einem geeigneten Parkplatz. Nutzt die Chance eine der interessanteren Städte in Polen zu besichtigen. Klickt dafür auf den folgenden Link:
Stadtführung in Lodz mit Max


