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Chopin-Denkmal im Lazienki-Park in Warschau

Einleitung

Anfang des 20. Jahrhunderts gab es schon die ersten Pläne für ein monumentales Denkmal für Frédéric Chopin in Warschau. Bis dato stand nämlich nur ein Obelisk im Vorgarten des Geburtshauses im Dorf Zelazowa Wola und das Epitaph an der Säule der Heilig-Kreuz-Kirche, wo sich auch das Herz des Musikgenies befand.

Doch Warschau unterstand der Verwaltung des zaristischen Russlands. Große, teure und ambitionierte Projekte wurden meistens nicht genehmigt und die polnische Bevölkerung war zu arm, um solche Projekte aus eigener Tasche finanzieren zu können.

Die Opernsängerin Adelajda Bolska erreichte, dass Zar Nikolaus II. erlaubte ein solches Denkmal in Warschau aufzustellen. Der Vertreter des Zaren in Warschau genehmigte am 1. Januar 1902 die Gründung des Komitees für den Bau eines Frédéric-Chopin-Denkmals in Warschau (Komitet Budowy Pomnika Fryderyka Chopina w Warszawie).

Vom Projekt zum Denkmal

Der Weg zum Denkmal war jedoch noch sehr lang. Zunächst musste erstmal ein Projekt her. 1908 wurde ein polnischer Wettbewerb ausgeschrieben. Insgesamt wurden 66 Projekte eingereicht. Der Vorsitzende der Jury war Hector Ferrari, der Vorsitzende der Königlichen Akademie in Rom (Accademia di Belle Arti di Roma). Ausgewählt wurde das Werk von Waclaw Szymanowski (1859-1930) und Franciszek Maczynski, der das architektonische Konzept entwarf. Doch die Kunstakademie in St. Petersburg verpasste dem Projekt ein negatives Urteil, woraufhin das russische Innenministerium seine Zustimmung verweigerte. Die Künstler mussten einige Elemente verbessern oder gar ganz weglassen.

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Szymanowski während der Arbeiten am Chopin-Denkmal

Am 21. August 1911 geschah es endlich, die russische Verwaltung in St. Petersburg genehmigt die Aufstellung eines Chopin-Denkmals in Warschau. Die größte Mühe nahm das Komitee für den Bau eines Frédéric-Chopin-Denkmals in Warschau auf sich. Der Vorsitzende des Komitees war Henryk Dobrzycki.

Damals schon dauerte alles etwas länger. Vor allem in den von Russland besetzten polnischen Gebieten. Hieß das Land ehemals noch Kongresspolen, begann die russische Bürokratie nach dem Januaraufstand von 1863-1864 diese Ländereien schlicht als Weichselland zu bezeichnen. Erst im Mai und Juni 1914, kurz vor Ausbruch des 1. Weltkrieges, wurden die oberen Partien des Denkmals in Gipsform nach Paris versendet, wo sie in der Werkstatt Anciennes Fonderies Thiebaut Fréres von Rene Fulda in Bronze gegossen werden sollten. Jetzt denkt man sicherlich, dass der 1. Weltkrieg alles zunichte machte. Auch, aber nicht nur. Der Hauptgrund war, dass die Gusswerkstatt Pleite gegangen ist.

Der 1. Weltkrieg als Triebkraft

4 Jahre und 21 Millionen Tote später nahm das Projekt seinen weiteren Lauf. Nun gab es das Zarenreich nicht mehr und am 11. November 1918, nach 123 Jahren, entstand erneut ein unabhängiges und relativ großes Polen, die 2. Rzeczpospolita. Dieses Mal eine echte Republik.

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Chopin-Denkmal in Warschau

1919 fand man die nach Frankreich versendeten Elemente des Gips-Denkmals wieder. Der Rest befand sich immer noch in der Werkstatt von Waclaw Szymanowski in Krakau.

Doch es gab wieder ein Problem, denn das Projekt war objektiv nicht mehr so schön. Der Stil hat sich trotz des Krieges verändert. Hat der Künstler Szymanowski 1908 noch im Jugendstil geschaffen, war dieser Stil mittlerweile out. Waclaw Szymanowski hat trotzdem nicht aufgegeben und um sein Projekt gekämpft. Mit Erfolg.

Nun endlich konnte man endlich anfangen das Denkmal in Bronze zu gießen. Die Elemente, die sich immer noch in Frankreich befanden, wurden von der Firma Barbedienne fertiggestellt. Der Sockel und der Teich, nach Entwurf von Oskar Sosnkowski, fertigte die Firma von Urbanowski aus Łodz  aus rotem Sandstein.

Am 14. November 1926 war es endlich so weit. Es hat fast 30 Jahre gedauert. In Polen hat lediglich der Metrobau in Warschau und die Bekämpfung des Kommunismus mehr Zeit benötigt.

Die Zerstörung 1940

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Zerstörung des Chopin-Denkmals in Warschau

Es kam – was man grundsätzlich wissen sollte – der 2. Weltkrieg. Obwohl viele Glauben, dass der Krieg in Osteuropa genauso erlebt wurde, wie in Westeuropa, dem rate ich sich ein paar gute Bücher zu kaufen.

Das Leben in den Gebieten, welche nicht ins Deutsche Reich eingegliedert wurden, war unglaublich brutal. Man kann es vor allem auch daran merken, dass die Nationalsozialisten das Fundament der polnischen Kultur in jenen Gebieten (Generalgouvernement) vernichten wollten, damit aus den Polen nur noch eine Art vormittelalterlicher Volksstamm übrig bleibt, der sich selbst nicht regieren kann.

Am 31. Mai 1940 gab es das Chopin-Denkmal nicht mehr. Es wurde auf Befehl von Hans Frank in die Luft gesprengt, in Stücke geschnitten, abtransportiert und in einer Gießerei eingeschmolzen. Der nahegelegene Belvedere-Palast diente Hans Frank als Residenz während seiner Aufenthalte in Warschau. Man vermutet, dass er diesen Polen nicht in seiner Nähe haben wollte.

Auf dem leeren Sockel tauchte am 17. Oktober 1946 eine Inschrift mit den Inhalt auf: Die Figur von Frédéric Chopin, welche von den Deutschen zerstört und geraubt wurde, wird das Volk wieder aufrichten (Posąg Fryderyka Chopina zburzony i zagrabiony przez Niemców odbuduje naród).

Das zweite Denkmal

Man suchte in ganz Polen Repliken oder erhaltene Modelle des Denkmals von 1926, doch die Nazis waren sehr darum bemüht auch diese aufzuspüren und zu vernichten. Daher überlegte man, ob es nicht sinnvoll wäre ein neues Projekt zu entwerfen.

Doch man fand eine Kopie des ganzen Denkmals im zerstörten Haus von Wacław Szymanowski im Warschauer Stadtteil Mokotów.

Am 11. Mai 1958, nach mühsamer Arbeit, wurde das zweite Denkmal von Frédéric Chopin im königlichen Łazienki-Park aufgestellt.

Was stellt das Denkmal dar?

Das Denkmal zeigt Frédéric Chopin in einer sitzenden Position unter einer masowschen Weide. Die Weide wiederrum ist ein Symbol für das Gebiet, aus welchem Chopin stammt, also die Provinz, vom Lande. Im Sommer hat er viel Zeit mit der ländlichen Bevölkerung verbracht und war jedes Mal aufs neue fasziniert von der Kultur und den Traditionen. In seinen Stücken kann man das Land heraushören. Am besten Sie fahren mal selbst aufs Land außerhalb von Warschau. Erst wenn Sie den Charakter der Provinz verstehen, verstehen Sie auch Chopins Musik.

Schauen Sie auch mal auf das Denkmal von der Seite. Aus der Perspektive hat die Weide die Form einer Hand.

Chopin-Konzerte

Seit 1958 werden von Mai bis September jeden Sonntag um 12:00 Uhr und 16:00 Uhr am Denkmal Chopin-Konzerte gespielt. Dazu wird auf der kleinen Plattform rechts vom Denkmal (wenn man davor steht) ein Klavier aufgestellt und mit einem Segel zugedeckt. Um das Denkmal herum nehmen die Gäste Platz. Die Konzerte sind für alle zugänglich und kostenlos.

Diese Konzerte gehören mit Abstand zu den größten Highlights in Warschau – und das nicht nur für Touristen.

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Chopin-Konzert in Warschau im Lazienki-Park

Quellen

Solinska, Ewa: Tajemnice Chopina, Warszawa 2012, Oficyna Wydawnicza RYTM, S. 208-213 [polnisch] | ISBN 978-83-7399-516-1

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