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Das Herz von Frédéric Chopin

Beitragsbild: Herz / Stefan Gara [CC BY-NC-ND 2.0]


Beitragsinhalt

Frédéric im Sterbebett
Das Herz und die Todesursache
Der Schmuggel nach Polen
In der Heilig-Kreuz-Kirche
Das Epitaph
Während des 2. Weltkrieges

— Die Chopin-Kollektion in Krakau (Regression)

— Das Chopin-Denkmal in Warschau (Regression)

— Das Chopin-Herz während des Warschauer Aufstandes

Quellen

Frédéric im Sterbebett

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Die letzte Stunde von Frédéric Chopin / Antoni Teofil Kwiatkowski 1849/1850

Das Musikgenie war gerade mal 39 Jahre alt, als er im Sterbebett lag. Der Tod hat ihn nicht abrupt geholt. Es dauerte relativ lange, bis er den letzten Hauch von sich gab. Die ganze Zeit über wusste Frédéric, was ihn erwartet.

In dieser Zeit hat er seine weltlichen Angelegenheit erledigt und sogar den musikalischen Rahmen seiner Beerdigung festgelegt. Entgegen aller Legenden und Gerüchte fiel auch hier schon die Entscheidung, dass nach seinem Tod eine schnelle Obduktion erfolgen und das Herz herausgenommen werden solle.

Warum diese voreile Entscheidung? Einige dachten, dass er Angst hatte bei lebendigem Leibe begraben zu werden. Doch tatsächlich ging es ihm darum, dass er auf diese Weise beweisen könne, dass er aufgrund von Herzproblemen gestorben sei.

Frédéric Chopin verstarb am 17. Oktober 1849.

Das Herz und die Todesursache

Die Obduktion vollzog der pariser Chirurg Professor Jean Baptiste Cruveilhier, nach welchem die Pégot-Cruveilhier–Baumgarten Krankheit benannt wurde.

Es stellte sich heraus, dass Frédéric Chopins Vermutungen gar nicht unbegründet waren. Das Herz war so groß, dass sogar der Professor ins Staunen kam. Heute weiß man, dass er die Krankheit nicht kennen konnte, da sie damals noch nicht bekannt war.

Es dauerte eine Weile, bis man mehr erfuhr. Im Jahre 2014 nämlich erhielten Wissenschaftler die Erlaubnis den Behälter mit dem Herzen aus der Säulenmauer in der Heilig-Kreuz-Kirche in Warschau für eine Untersuchung herauszunehmen. Die Untersuchungsergebnisse wurden 2017 im The American Journal of Medicine veröffentlicht. Der Zustand des Herzens war sehr gut. Der Behälter wies lediglich eine undichte Stelle auf, welche man mit Wachs schließen konnte. Das Herz wurde für die Untersuchung nicht aus dem Behälter herausgenommen, sondern fotografierte es. Anhand der anatomischen Veränderungen am Herzen konnte man somit beweisen, dass Frédéric an einer Herzbeutelentzündung litt und daran verstarb. Eine solche Krankheit steht eng mit der Tuberkulose zusammen.

Der Herzbeutel wird auch Perikard (= das Herz umgebend) genannt und ist eine sehr dünne Umhüllung des Herzens. Er besteht aus einem inneren, dem Herz direkt aufliegenden Blatt und einem äußeren Blatt, welches als Kapsel das Herz im Brustkorb umgibt, fixiert und schützt. Ein schmaler Flüssigkeitssaum zwischen den beiden Blättern ermöglich eine reibungsarme Herzfunktion (Quelle: www.cardio-guide.com). Frédérics Sterbeursache war Perikarditis.

Die nächsten Untersuchungen werden in ca. 50 Jahren erfolgen. Man erhofft sich in dieser Zeit einen technologischen Fortschritt in der Medizin, der er erlauben würde noch genauere Untersuchungen vornehmen zu können.

Der Schmuggel nach Polen

Schon am 9. November 1849 gab die Zeitung Kurier Warszawski bekannt, dass das Herz des bekanntesten Polen sich bald in Warschau befinden wird.

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Ludwika Jędrzejewicz geb. Chopin. Die ältere Schwester von F. Chopin. Sie schmugelte das Herz nach Warschau

Doch das war nicht so einfach. Seine ältere Schwester Ludwika Jędrzejewiczowa konnte nicht einfach angeben, was sie als Gepäck mit sich bringt. Man hätte es spätestens an der Grenze in die russisch besetzten polnischen Gebiete beschlagnahmt.

Also musste sie es nach Polen schmugeln – und zwar unter ihrer Kleidung. Dort schaute man damals einer Dame schlicht nicht hin. Etwas anders kennen wir das von den Security-Checks auf den Flughäfen des 21. Jahrhunderts. Gut versteckt gelang das Herz schließlich nach Warschau.

Das Herz ist übrigens getränkt in Alkohol – man weiß nicht, ob es sich dabei um Cognac oder Spiritus handelt. In den meisten Ausarbeitungen und Beiträgen wird Cognac angegeben.

In der Heilig-Kreuz-Kirche

Während der Behälter zunächst einige Wochen in der Wohnung von Ludwika blieb, suchte man einen würdigeren Platz.

Man entschied sich endlich für die damals größte Kirche Warschaus – die Heilig-Kreuz-Kirche an der Krakowskie-Przedmieście-Straße. Diese Kirche hatte für die Chopin-Familie von Anfang an eine große Bedeutung. Dort wurden auch Izabella und Emilia, die zwei jüngeren Schwestern Frédérics getauft.

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Lesen Sie auch – Die Chopin-Familie. Eine Übersicht

Die Geistlichen verstauten die Urne jedoch zunächst … in den Keller. Der Grund? Man wisse über das stürmische des Pianisten in Paris Bescheid und daher dürfe man es nicht im oberen, also in gewißer Weise heiligen Teil des Gotteshauses ausstellen.

So dauerte es eine Weile, bis etwas Gras drüber gewachsen ist. Erst die nächste Geistlichen-Generation war bereit das Herz aus den Katakombem zu holen und an einer sichtbaren Stelle in der Kirche auszustellen. Man fand in der Zwischenzeit auch einen triftigen Grund: Die Schriftstellerin und Freundin Chopins in Paris – Klementyna Hoffmannowa, geb. Tańska – war auch nicht sonderlich tugendhaft und trotzdem wurde ihr Herz wurde in der Kathedrale auf dem Wawelberg in Krakau beigelegt.

Das Epitaph

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Epitaph Frédéric Chopins in der Hl.-Kreuz-Kirche / Antoni Władyka [CC BY-SA 2.0]

Am 1. März 1879 – am Geburtstag von Frédéric Chopin – wurde das Herz in die Säule eingemauert. Ein Jahr später schuf Leonard Marconi das Epitaph aus Carrara-Marmor, welches man bis heute bewundern kann.

Nebenbei: auf dem Epitaph steht als Geburtstag der 22. Februar 1810. Dieses Datum wurde erst 1935 eingraviert.  Das genaue Geburtsdatum ist nämlich nicht entschieden und diesen wissenschaftlichen Streit über das tatsächliche Geburtsdatum überlassen wir lieber auch den Historikern.

Während des 2. Weltkrieges

Die Chopin-Kollektion in Krakau

(Eine kurze Regression)

Nach der vierten polnischen Teilung zwischen der Sowjetunion und dem Deutschen Reich inkorporierten die Nationalsozialisten eingie Gebiete ins Reich und andere überließen sie der Herrschaft von Terroristen und Geisteskranken. Im sogenannten Generalgouvernement herrschte absoluter Terror, welcher vom selbst ernannten König von Polen Hans Frank, der auf dem Wawelberg in Krakau residierte, gesteuert und gelenkt wurde. Chopin-Musik war in diesem rechtslosen Land strengstens verboten. Hans Frank, der sogar einen Doktortitel besaß, hasste die Polen, was ihn jedoch nicht daran hinderte im November 1942 für 50.000 Mark eine Chopin-Kollektion zu erwerben. Verkauft hat sie ihm – wahrscheinlich unter Zwang – der Franzose Edouard Ganche, welche viele Jahre lang Erinngerungsstücke von Chopin aufkaufte.

Interessanterweise wurde diese Kollektion am 27. Oktober 1943 von Gustaw Abb, dem Direktor der Jagiellonenbibliothek in Krakau, ausgestellt.

Das Chopin-Denkmal in Warschau

(Eine weitere kurze Regression)

Auf Befehl dieses Hans Franks wurde schon 31. Mai 1940 das Chopin-Denkmal im Łazienki-Park in Warschau in Stücke geschnitten und eingeschmolzen. Man vermutet u.a., dass Frank diesen Polen nicht in seiner Nähe haben wollte, da das Denkmal in unmittelbarer Nähe des Belvedere-Palastes stand, welcher seine Residenz während seiner Aufenthalte in Warschau war.

chopin-denkmalLesen Sie auch – Das Chopin-Denkmal im königlichen Łazienki-Park

Das Chopin-Herz während des Warschauer Aufstandes

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Die zerstörte Hl-Kreuz-Kirche 1945

Die zwei kurzen Regressionen sollten in Erinnerung rufen, dass das polnische Kulturgut zertsört und vernichtet werden sollte. Es sollte mit Füßen getreten und das Volk zu einem mittelalterlichen Volksstamm herabgestuft werden. Der Krieg im Osten Europas find nach der Kapitulation eigentlich erst richtig an.

Der Warschauer Aufstand bot den jungen Soldaten die Möglichkeit sich an ihren Henkern zu rächen. Daher ließ die polnische Generalität dem Aufstand freien Lauf. Den Aufständischen hätte man jedoch sagen sollen, dass der Aufstand eigentlich schon verloren war, bevor er angefangen hatte. Die Zerstörungswut der deutschen Truppen war grauenvoll. Die Strafe für Stadt und Bevölkerung nur mit der Zerstörung Karthagos durch Römer vergleichbar.

In der Nähe der Heilig-Kreuz-Kirche fanden seit den ersten Tagen schon heftige Kämpfe zwischen den Warschauer Aufständischen und deutschen Truppen statt. Die Kirche drohte völlig zerstört zu werden.

Und hier taucht der Name Schultze oder Schulze auf. Es ist wenig über ihn bekannt, man weiß noch nicht mal ob er ein katholischer oder evangelischer Geistlicher war. Aber er war ein deutscher Priester. Er bot den polnischen Priestern an die Urne mit Chopins Herz persönlich an einen sicheren Ort zu bringen. Über seine Beweggründe ist ebenfalls nichts bekannt. Was man jedoch weiß, ist seine Aufopferungsbereitschaft für polnische Priester in Warschau. Zudem rettete er zahlreiche liturgische Gefäße der Heilig-Kreuz-Kirche vor der Zerstörung, was die Charité-Schwestern und die Nonnen des Visitantinnen-Ordens bestätigen konnten. Soll er also zumindest hier seinen Platz in der Geschichte haben.

Bei dem Thema der Urne mit dem Herzen schalteten sich jedoch auch deutsche Offiziere ein. Einer von ihnen war der SS-Generalleutnant Heinz Reinefarth, auch bekannt als der Henker Warschaus (wie auch viele andere). Ihm übergab man schließlich die Urne. Als diese Information Erich von dem Bach-Zalewski, einem weiteren SS-General, übermittelt wurde, ordnete dieser an das Herz den rechtmäßigen Eigentümern zurückzugeben. Seine Motive sind bis heute ein Rätsel. Wollte er Hans Frank zum handeln bewegen? Oder – wie manche behaupten – die Warschauer von der Gutmütigkeit den Polen gegenüber überzeugen, damit diese an der Seite der deutsche Streitkräfte gegen die Russen, die auf der anderen Weichselseite warteten, zu kämpfen?

Erich von dem Bach-Zalewski lud schließlich den Erzbischof Antoni Szlagowski, der damals außerhalb von Warschau verweilte, nach Warschau ein, um die Urne entgegenzunehmen. Die zeremonielle Übergabe sollte natürlich für Propagandazwecke gefilmt werden, was aufgrund von Lichtproblemen nicht geschah. Anschließend reiste Antoni Szlagowski zurück nach Milanówek, wo die Urne im dortigen Pfarrhaus auf dem Klavier aufgestellt wurde. Dort stand sie bis zum 17. Oktober 1945.

Das Filmen der Übergabe wollte Erich von dem Bach-Zalewski nachholen und inszenierte die Übergabe. Die polnischen Geistlichen waren nur von hinten zu sehen. Es versteht sich, dass dort offiziell keine polnischen Vertreter waren.

Am 17. Oktober 1945, am 96. Todestag Frédéric Chopins brachte man die Urne zunächst zum Geburtshaus nach Żelazowa Wola. Erst danach fand sie ihren Weg zurück zur Heilig-Kreuz-Kirche in Warschau.

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Unterer Teil des Epitaphiums / Antoni Władyka [CC BY-SA]

Quellen

  • Solińska, Ewa: Tajemnice Chopina, Warszawa 2012, Oficyna Wydawnicza RYTM, S. 192 – 207 [polnisch] – ISBN 978-83-7399-516-1

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