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Warschauer Praga – eine Besichtigung

Beitragsinhalt

Führung mit Rafał Dąbrowiecki
Ist die Warschauer Praga sehenswert?
Der Jude Szmul Jakubowicz
Ein kostenloses öffentliches Telefon
Das längste Gebäude Polens
Was haben Schuhe mit Drogen zu tun?
Versteckte Paläste im Industriegebiet
Das Besondere an Praga
Schlusswort

Führung mit Rafał Dąbrowiecki

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Wenn sich jemand in Praga auskennt, dann Rafal. Er wohnt in Praga und mit Praga. Da er sein Wissen zudem gut übermitteln kann, habe ich mich seiner persönlichen Führung am 12. November 2016 angeschlossen.

Rafał hat mit mir den Stadtführerkurs 2012 besucht und ist bekannt für seine Prager-Erzählungen. Man sieht ihm an, dass Praga seine große Liebe ist.

Die Führung hat etwas mehr als 2 Stunden gedauert, weswegen ich nur ausgewählte Etappen beschreiben möchte, doch keine Angst – es geht nichts verloren und taucht früher oder später dann auf meiner Internetseite auf.

 Ist die Warschauer Praga sehenswert?

warschauer-pragaBei der Beschreibung Pragas auf dieser Internetseite in der Rubrik „Top-10“  habe ich folgendes geschrieben

Von den Bewohnern links von der Weichsel ist allles, was sich auf der „anderen“ Seite befindet schlicht Praga. Die Bewohner Pragas hingegen sagen oft, dass sie nach Warschau fahren, wenn Sie über die Brücke fahren. Es ist sicherlich eine etwas andere Welt.

Empfehlen würde ich die Besichtigung dieses Stadtteils mit einem Stadtführer, weil es sonst ein Fehltrip werden könnte. Praga ist schon etwas besonderes, doch mehr für die Warschauer als für Touristen. Noch hat man es nicht geschafft das Besondere ordentlich zu präsentieren.

So will es auch erstmal stehen lassen. Sie werden bei einem Besuch der rechten Weichselseite der Stadt nicht alles verstehen können. In 10 Jahren wird es sicherlich ein Kult-Viertel sein, doch bis dahin ist Praga ein Labyrinth voller Geheimnisse und oftmals nur mit einem persönlichen Stadtführer zu empfehlen.

Der Jude Szmul Jakubowicz

Szmul Jakubowicz hieß auch Józef Samuel Sonnenberg und war allgemein bekannt als Szmul Zbytkower.* Er hat in den Jahren 1727 – 1801 gelebt und war Kaufmann, Bankier und Fabrikant. Das erstaunliche ist jedoch, dass der letzte polnische König Stanisław August Poniatowski Gefallen an ihm gefunden hat und ihn sogar zu den berühmtesten Mittagessen-Treffen an jedem Donnerstag in Warschau eingeladen hatte. Szmul hatte in dieser Gegend viel Land erworben und investierte viel in die jüdische Gemeinde. Rafal hat die Führung an der Zabkowska-Strasse am Haupttor der Koneser-Wodkafabrik begonnen. Diese Gegend trägt bis heute den offiziellen Namen „Szmulowizna“ – also Szmul-Land.

*Das Thema der jüdischen Nachnamen in Polen und vor allem in Warschau ist nicht einfach und ich werde es bei Gelegenheit erläutern. Sollte jemand auf jenen Artikel nicht warten können, kann er mich anschreiben und ich schicke ihm eine Kurzfassung. Eines sei gesagt – E.T.A. Hoffmann aus Preußen spielt dabei die Hauptrolle.

Warschauer Wodka-Produktionsbetrieb „Koneser“

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Dieser Betrieb ist allen Warschauern bestens bekannt, denn er produzierte zwar nicht den besten, aber eben doch Wodka. Das Gebäude stammt aus dem Ende des 19. Jahrhunderts und erhielt die architektonischen Formen der Neugothik. Die besten Zeiten hatte der Betrieb in den 20er Jahre, als 400 Mitarbeiter täglich bis zu 250.000 Flaschen befüllten, die Namen erhielten, die man bis heute gut kennt – Wyborowa, Luksusowa, Żubrówka, Żytniówka wie auch Siwucha. Während des 2. Weltkrieges wurde die Produktion massiv runtergeschraubt, doch schon 1947 ging es weiter. Bis 1989 arbeiteten die Maschinen auf Hochtouren, denn jeder 5. Einwohner Pragas war russischer Herkunft (lies: Soldat oder Offizier). 2007 musste die Fabrik allerdings geschlossen werden. Man kann es kaum glauben, aber der Grund für die Schließung waren finanzielle Probleme, die durch den fallenden Konsum des edlen Getränkes entstanden sind. Und so etwas in Polen! Hat also nicht nur Vorteile, wenn die Russen wieder abhauen.

Der Investor BBI Development hat das Gelände von über 50.000 m² Fläche aufgekauft und wird es umgestalten. Es wird – was ich wirklich schätze – ein Wodka-Museum, Bars und Cafés geben und das gesamte Terrain wird der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Im Museum wird es viel zu bestaunen geben, denn die Polen erwärmten sich vor 600 Jahren am Wodka.

Ein kostenloses öffentliches Telefon

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Auf einer Nebenstrasse der Zabkowska-Strasse hängt an einer Wand ein auffällig gelbes Telefon. Daran wäre nichts besonderes, wenn nicht die Tatsache, dass man von diesem Telefon aus kostenlos überall hin anrufen kann. Mit der Gruppe haben wir das natürlich unter Beweis gestellt und – es hat funktioniert. Die Idee stammt von einer Frma, die sich mit Innovationen beschäftigt. Statt langweilige Werbebanner hat sie gegenüber von ihrem Hauptsitz dieses Telefon installiert. Eine tolle Idee!

Das längste Gebäude Polens

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In Warschau-Praga steht das längste Gebäude Polens. Es hat eine Länge von 508 Metern und steht gegenüber des Warschauer Ost-Bahnhofs (pon. Dworzec Wschodni). Es gibt dafür keinen Beweis, doch sagt man, dass das Gebäude als spanische Wand herhalten soll, damit man Praga nicht sehen muss, wenn man aus dem Bahnhof kommt. Leider habe ich es nicht fotografiert, was ich natürlich bei Gelegenheit nachholen werde. Doch zurück zum Gebäude. Bei dieser Urban Legend tauchen viele Zweifel auf, doch in jeder Legende steckt ein wenig Wahrheit. Praga gehört nicht zu den schönsten Vierteln Warschaus. Es gibt hier viele verlassene Fabriken, heruntergekommene Gebäude und löchrige Strassen. Das ändert sich sehr schnell, nur eben nicht schnell genug. Zum architektonischen Charakter Pragas erfahren Sie mehr im im Abschnitt „Das Besondere an Praga“.praga-warschau

Übrigens: Auf der Tysiaclecia-Strasse gibt es nur ein einziges Gebäude, ein Plattenbau, der die Nummer 151 hat. Verwunderlich und leider ohne logische Erklärung.

Was haben Schuhe mit Drogen zu tun?

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Das wusste Rafal auch nicht, bis es ihm und uns allen von einer Zuschauerin erklärt wurde. Schuhe sind das internationale Symbol für Drogen. Vor einem Gebäude hat man Schuhe auf Bäume gehangen, sodass potenzielle Kunden wussten, wo sie sich hinbegeben sollten. Zwar kann man das auf dem Foto nicht sehen, doch hängen auf dem Baum mehr als 20 Paar Schuhe, was wir uns alle so erklärten, dass hier wohl eine größere Produktionsstätte gewesen sein muss.

Versteckte Paläste im Industriegebiet

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Dieser schnuckelige kleine Palast befindet sich in einem Innenhof. Wie er dorthin gelangt ist, lässt sich nicht mehr herausfinden. Heute befindet er sich zwischen vielen anderen Plattenbauten und stand in der Vergangenheit an der Strasse. welche heute mehr als 30 Meter entfernt ist. Wie man sehen kann, kümmert sich um dieses architektornische Prachtsstück niemand und es zerfällt immer mehr.

Das Besondere an Praga

Es ist wirklich nicht einfach, diese Frage zu beantworten. Was macht Praga besonders? Womöglich in erster Linie die Originalität. Dieser Stadtteil Warschau wurde während des 2. Weltkrieges und nach dem Warschauer Aufstand nicht zerstört. Die Menschen, die hier nach dem Krieg lebten, hatten den Kommunisten logischerweise nichts zu verdanken. Somit schlummerte hier der echte warschauer Anti-Kommunismus. Diese Anti-Einstellung gegenüber jeglichen staatlichen Organisationen haben die heutigen Bewohner geerbt. Leider haben die Kommunisten nicht viel investiert und das rechtsseitige Warschau verkam von Jahr zu Jahr. Das Besondere hier sind also die Menschen, die dem Viertel den Charakter verleihen.

Architektonisch ist es nun so, wie Sie es auf den Fotos sehen können. Hier hat die Geschichte einen großen Abdruck hinterlassen und die Geschichte meinte es mit diesem Viertel nicht immer gut. Das ist ein längeres Thema, welches ich gesondert erläutern werden.

Mittlerweile steht auf dieser Weichselseite das Nationalstadion, die Bahnhöfe und Einkaufszentren. Zusätzlich wird die U-Bahn auch auf dieser Seite ausgebaut. Das alles treibt die Entwicklung voran. Es wird aber alles noch seine Zeit brauchen.

Schlusswort

Ich möchte mich hier auch persönlich bei Rafal bedanken. Es hat wirklich viel Spass gemacht. Auf dem letzten Foto können Sie sehen, dass ich einen guten Riecher hatte, um an diesem Tag zur Zabkowska-Strasse zu kommen. Sollten Sie auch Lust bekommen in Warschau etwas „un-touristisches“ zu sehen, das „andere“ Warschau kennenzulernen und Sachen zu sehen, die so nicht jeder entdecken wird, lade ich Sie herzlich ein auf einen Spaziergang durch die Prager Szmulowizna.

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